• vom 26.01.2018, 09:00 Uhr

Europastaaten

Update: 26.01.2018, 10:01 Uhr

Finnland

Wachstum, aber keine Jobs




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Von Alexander Dworzak

  • Finnlands Präsident steht vor der Wiederwahl. Trotz Aufschwung, ist die Arbeitslosigkeit hoch.

Amtsinhaber Niinistö machte bereits von der vorzeitigen Stimmabgabe Gebrauch. - © ap/Samuli

Amtsinhaber Niinistö machte bereits von der vorzeitigen Stimmabgabe Gebrauch. © ap/Samuli

Helsinki/Wien. Von Wahlkampf zu sprechen, ist eine Übertreibung. Sauli Niinistö liegt so komfortabel in Führung, dass keine Spannung aufkommt. Vor der Präsidentschaftswahl in Finnland am Sonntag stellt sich lediglich die Frage, ob der Amtsinhaber im ersten Durchgang doch völlig überraschend unter 50 Prozent erreicht und ein zweiter Wahlgang notwendig wird. Zwar kommt der 69-Jährige nicht mehr auf acht von zehn Stimmen wie noch im November, das Meinungsforschungsinstitut Kantar TNS wies in der vergangenen Woche aber eine komfortable Mehrheit mit 68 Prozent für Niinistö aus.

Der Konservative kann sich somit auf sechs weitere Jahre im Amt einstellen. Einst Politiker der Nationalen Sammlungspartei, ist er weit über die Parteigrenze respektiert und tritt nun als Unabhängiger an. Niinistö drängt sich nicht innenpolitisch in den Vordergrund, die Verfassung gibt ihm lediglich - gemeinsam mit der Regierung - außenpolitischen Spielraum. Als einziger Konkurrent kann der Grüne Pekka Haavisto mit zweistelligen Werten rechen. Abgeschlagen ist hingegen Laura Huhtasaari, Kandidatin der rechtspopulistischen "Finnen". Nur fünf Prozent schließen sich ihrer Forderung nach einem Austritt Finnlands aus der Europäischen Union an.


Zwar litt das Image der EU nach zwei Rezessionen, Stimmen wurden laut, ohne Union ginge es dem Land besser. Schließlich traf Russlands Besetzung der Krim samt den darauffolgenden EU-Sanktionen Russlands Nachbarn Finnland hart. Die austarierte geopolitische Balance des wie Österreich bündnisfreien Staates geriet ins Wanken. Andererseits wird immer wieder die Idee ventiliert, Finnland solle der Nato beitreten.

Die stark exportabhängige finnische Wirtschaft wiederum ist von der EU-Mitgliederschaft abhängig. Ihre Probleme rühren auch aus technologischen Umbrüchen: Der gefallene Handygigant Nokia trug einst bis zu zehn Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung bei. Daneben setzte die Digitalisierung der Holz- und Papierindustrie zu.

Nokia, das früher Gummistiefel hergestellt hatte, erfand sich abermals neu und ist mittlerweile einer der drei großen Anbieter auf dem Markt der Telekom-Netzwerkausrüstung. In der vergangenen Woche unterschrieb das Unternehmen einen Vertrag mit dem japanischen Mobilfunk-Marktführer NTT Docomo zur Ausrüstung dessen Netzes der fünften Generation (5G). Allerdings steckt die Branche derzeit zwischen zwei Technologiezyklen. Der 4G-Standard ist noch aktuell, die Aufträge sind daher rar. Im dritten Quartal 2017 sank Nokias Umsatz im Netzwerkgeschäft um neun Prozent auf 4,8 Milliarden Euro, der operative Gewinn brach um 23 Prozent ein. Auch in anderen Geschäftsfeldern läuft es nicht optimal, so gab Nokia die Weiterentwicklung einer Profi-Kamera für Inhalte in virtueller Realität auf.

Lohnverzicht und Bauboom
Dass es mit Finnlands Exportwirtschaft dennoch bergauf geht, liegt an dem sogenannten Wettbewerbsfähigkeitsvertrag. Mit dem 2016 geschlossenen Pakt zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern fielen die Lohnerhöhungen für 2017 aus und die Arbeitszeit wurde verlängert. Damit senkte Finnland seine Stückkosten und wurde international wieder wettbewerbsfähiger. Die Waren- und Dienstleistungsexporte steigen heuer laut EU-Prognose preisbereinigt um 5,7 Prozent.

Und wie in so vielen anderen europäischen Staaten boomt auch in Finnland die Bauindustrie. 85 Prozent der Bürger leben bereits in Städten, der Zuzug hält jedoch an. Ganze Stadtteile für bis zu 30.000 Personen befinden sich in Bau, schreibt die Wirtschaftskammer in ihrem aktuellen Bericht. Um 3,6 Prozent wuchs Finnlands Wirtschaft im dritten Quartal des Vorjahres im Vergleich zu den Monaten Juli bis September 2016. Es lag damit vor Österreich (3,1 Prozent) sowie dem EU-Schnitt (2,5 Prozent).

Zu kämpfen hat die Regierung aus Zentrumspartei, Nationaler Sammlungspartei und der "Blauen Reform", einer Abspaltung der "Finnen", noch immer mit vergleichsweise hoher Arbeitslosigkeit. Laut der EU-Statistikbehörde Eurostat waren im November 8,4 Prozent ohne Job. Bei den Unter-25-Jährigen sind gar 19,4 Prozent arbeitslos.

Finanzminister Mika Lintilä hofft auf ein ausgeglichenes Budget spätestens 2019. Die Staatsschulden, vor Krisenbeginn 2008 noch bei knapp 34 Prozent
des Bruttoinlandsprodukts, liegen mittlerweile über 60 Prozent.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-25 17:44:15
Letzte Änderung am 2018-01-26 10:01:20


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