• vom 10.03.2018, 14:00 Uhr

Europastaaten


Ukraine

Ein vergessener Ort in einem vergessenen Krieg




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Von Philip Malzahn (Text) und Johanna Maria Fritz (Fotos)

  • Der vergessene Krieg Europas - ein Besuch in einem Dorf, bewohnt von Menschen mit griechischer Abstammung, die nun im bewaffneten Konflikt zwischen der Ukraine und pro-russischen Separatisten gefangen sind.

Natalia (18) im Haus ihrer Mutter in Tschermalyk. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Mann und dem Sohn in Krywyj Rih, 350 Kilometer westlich von Tschermalyk.

Natalia (18) im Haus ihrer Mutter in Tschermalyk. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Mann und dem Sohn in Krywyj Rih, 350 Kilometer westlich von Tschermalyk.



Vanja kommt selbst aus Russland, arbeitet aber seit drei Jahren auf einem Bauernhof in Tschermalyk.

Vanja kommt selbst aus Russland, arbeitet aber seit drei Jahren auf einem Bauernhof in Tschermalyk. Vanja kommt selbst aus Russland, arbeitet aber seit drei Jahren auf einem Bauernhof in Tschermalyk.

Tschermalyk. "Tschermalyk ist gerade ganz friedlich", sagt Anna Nikolajewna, "aber wartet einfach, bis die Sonne untergeht." Dann eilt die Dorfratsvorsitzende mit dem goldenen Mantel und der prunkvollen Uschanka weiter hektisch durch den kargen Betonbau der kleinen Schule. Draußen ist es eiskalt und das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR ist an diesem Dienstag zu Besuch, um an die wenigen Kinder, die noch geblieben sind, Winterjacken zu verteilen.

Anna Nikolajewna ist dafür verantwortlich, die Sache über die Bühne zu bringen, und koordiniert nervös Lehrer, Eltern und Kinder. Im überhitzten Versammlungsraum sollen sie sich hinsetzen und auf die Almosen der internationalen Staatengemeinschaft warten. Winterjacken in drei Farben: Rosa für die Mädchen, Blau für die Jungs und Grau für diejenigen, die keine Jacke in Rosa oder Blau bekommen haben. Als die UNHCR-Vertreter endlich da sind, geht alles ganz schnell: Die Namen werden aufgerufen, die Jacken verteilt. Dann gibt es ein einstudiertes Danklied an die Vereinten Nationen und schon sind die Helfer wieder auf dem Weg. Ja, sie helfen, sagt Frau Nikolajewna, sie haben viele Häuser in unserem Dorf repariert - vielen Menschen ihr Zuhause zurückgegeben." Frau Nikolajewna seufzt: "Aber der Krieg ist hier nicht vorbei. Schaut mal, die UN-Leute müssen um 16 Uhr diese Gegend verlassen haben, so lautet ihr Sicherheitsprotokoll." Warum? "Wenn es dunkel wird, fängt es wieder an."



Es ist selten, dass das kleine Dorf Besuch empfängt - der heutige Trubel in Tschermalyks Schule ist einer Aufmerksamkeit geschuldet, die ihm nur in sporadischen Abständen von außen geschenkt wird. Das Dorf liegt am Fluss Kalmius, direkt an der Kontaktlinie zwischen der Ukraine und der jungen Volksrepublik Donezk, die pro-russische Separatisten im April 2014 ausgerufen haben. Das gesamte Gebiet entlang der Front bezeichnet die ukrainische Regierung als ATO (Zone antiterroristischer Operationen). Es ist eine militärische Sperrzone, die offiziell nur Einheimischen und denen mit Sondergenehmigung, wie Journalisten und Hilfsorganisationen, zugänglich ist. De facto aber ist es das Zuhause tausender Menschen, die unter den Kriegszuständen des "Waffenstillstands", der durch die beiden Minsker Abkommen in der Region implementiert werden sollte, eine Normalität im Widerspruch anstreben.

Dima mit seiner Katze in seinem Haus am Rande von Tschermalyk.

Dima mit seiner Katze in seinem Haus am Rande von Tschermalyk. Dima mit seiner Katze in seinem Haus am Rande von Tschermalyk.

Ein ganz besonderes Dorf

Anna Nikolajewna führt uns durch ihre Heimat. Beim Spazieren in Tschermalyk bekommt man den Eindruck, man habe sich am Ende der Welt verlaufen. Diesen teilen auch die meisten Bewohner: "Wir sind ein vergessener Ort in einem vergessenen Krieg." Vieles ist aufgerissen und leer: die Straßen, die Häuser, die Atmosphäre. Streunende Hunde verfolgen die kleinen Grüppchen von Soldaten, die sich in den Häusern einquartiert haben, die die geflüchteten Bewohner zurückließen. Das harte Grau des ukrainischen Winters hat sich mit Dorf und Menschen verbunden und lässt die Spuren der Verwüstung nur allzu gegenwärtig wirken.

Martha, ist 39 Jahre und arbeitet als Sekretärin in der Schule.

Martha, ist 39 Jahre und arbeitet als Sekretärin in der Schule. Martha, ist 39 Jahre und arbeitet als Sekretärin in der Schule.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-01 17:38:46
Letzte Änderung am 2018-03-09 14:19:33


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