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Update: 01.03.2018, 22:04 Uhr

Kuciak

Kuciak kannte seinen Mörder




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Von WZ-Korrespondent Jindra Kolar

  • Mord an slowakischem Journalisten und dessen Lebensgefährtin: Die Spur führt zur italienischen ’Ndrangheta.

Mordopfer Kuciak und dessen Lebensgefährtin.

Mordopfer Kuciak und dessen Lebensgefährtin.© ap Mordopfer Kuciak und dessen Lebensgefährtin.© ap

Prag. Nach Angaben des slowakischen Premiers Robert Fico hat die Polizei keine Spuren eines gewaltsamen Eintritts in das Haus des Journalisten Jan Kuciak in Velká Maca feststellen können. Der Regierungschef der linken Smer-SD hat am Donnerstag zum Mord an dem Journalisten Stellung bezogen. Demnach soll das Opfer seinen Mörder gekannt haben.

Eine Tatrekonstruktion ergab folgenden Ablauf: Kuciak ließ den Täter eintreten und bot ihm dann eine Tasse Kaffee an. Während eines Gesprächs verließ der Journalist die Wohnung, um in der Garage nach dem Ladestand einer Autobatterie zu schauen. In diesem Moment wurde die Lebensgefährtin Kuciaks durch einen Kopfschuss getötet. Als Kuciak wieder ins Haus zurückkehrte, wurde auch er im Eingangsbereich gezielt erschossen.


Die Schüsse waren präzise tödlich ausgeführt, sodass die Polizei von einer geplanten Tat eines Profikillers ausgeht.

Sieben Festnahmen
Die Polizei hat im Osten der Slowakei sieben Verdächtige festgenommen und bereits zuvor eine Waffe sichergestellt, bei der es sich - nach der ballistischen Untersuchung - jedoch nicht um die Tatwaffe handelte.

Nach Berichten seiner Kollegen von aktuality.sk, einer zum deutsch-Schweizer Ringier Axel Springer Verlag gehörenden Informationsplattform, war Kuciak ein "anständiger und liebenswerter" Mensch. "Er war kein investigativer Journalist, der sich auf gefährliche Pfade wagte, um etwas zu enthüllen", erklärte Chefredakteur Peter Bardý. Er schilderte
das Mordopfer als einen analytischen Journalisten, der am Schreibtisch Daten und Fakten sammelte und sie zu einem Bild zusammensetzte.

Dies allerdings musste ihn mit seinem letzten Artikel in Lebensgefahr gebracht haben. Denn seine Recherchen führten direkt ins Zentrum der slowakischen Macht, reichten bis an die Seite des Premiers Fico. Hier sind nach dem Mord erste Konsequenzen zu beobachten: Die persönliche Beraterin Ficos, Mária Troková, sowie Sicherheitschef Viliam Jasan sind zurückgetreten, ebenso Kulturminister Marek Madaric. Die drei Politiker gehörten der Regierungspartei Smer-SD an. Vor allem aber werden die beiden Erstgenannten in Verbindung zur kalabresischen Mafia gebracht.

Italiener spielt Schlüsselrolle
Die Spur des Doppelmords führt zu einem der Arme der ’Ndrangheta. Der Schlüsselname dabei heißt Antonio Vadalà, ein Italiener aus dem kalabresischen Dorf Bova Marina, in dem der Clan Francesco Zindato herrschte. Zindato wurde am 6. November 2010 verhaftet, ihm wurde der Mord an Giuseppe Lauteta vorgeworfen, einem "Abtrünnigen". Vadalà soll darin verwickelt gewesen sein, hatte es aber vorgezogen, sich den italienischen Behörden zu entziehen und in der Slowakei unterzutauchen.

Dort gründete er ein Biogas- und später mehrere Photovoltaik-Unternehmen. Gemeinsam mit Troková, die bis dahin nur als Fotomodell bekannt war, gründete er die Firma GIA Management, die ebenfalls auf dem Energiesektor tätig war. Nach kurzer Zeit wechselte Troková als Beraterin zum damaligen Smer-Abgeordneten Jasan. Als der das Amt des Sicherheitsratschefs antrat, holte Fico Troková zu sich ins Büro. Beide unterhielten weiterhin Kontakte zu Vadalà, der damit beste Beziehungen in die Chefetagen Bratislavas pflegte.

Kuciaks neue Analysen sollten nun enthüllen, in welchem Umfang der italienische Unternehmer EU-Fördermittel sowie slowakische Subventionen einsackte, Steuerbetrug und Geldwäsche beging. Möglicherweise unterschrieb er damit sein Todesurteil. Die Polizei verfolgte ferner eine Spur, die ins Drogenmilieu reicht, auch hier soll die ’Ndrangheta eine aktive Rolle gespielt haben.

Fico muss interessiert sein, die Ermittlungen zu schnellem Erfolg zu führen, will er sich weiter im Amt halten.




Schlagwörter

Kuciak, Mord, Slowakei, Journalist

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-01 17:53:38
Letzte Änderung am 2018-03-01 22:04:27


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