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Update: 12.03.2018, 12:19 Uhr

Medien

Russlandversteher und Russland verstehen




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Von Eva Zelechowski

  • Korrupt, fake, manipulativ? Bei einer Konferenz in Wien erklärten Medienexperten, wie russische Medien ticken und in welcher Vorurteilskiste über Russland der Westen gerne kramt.

Vollmond hinter dem rubinroten Kreml-Stern in Moskau.

Vollmond hinter dem rubinroten Kreml-Stern in Moskau.
© APAweb / AP, Mladen Antonov
Vollmond hinter dem rubinroten Kreml-Stern in Moskau.
© APAweb / AP, Mladen Antonov

Wien. Es sei oft ein vereinfachtes Bild, das Journalisten, Politikwissenschafter und Politiker von Russland zeichnen. Sie würden dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu viel Aufmerksamkeit schenken und selten erklären, wie das System tatsächlich operiert. Das war der Tenor der Kritik auf der Konferenz "Understanding news from and about Russia". Journalisten und Medienanalysten erklärten aus ihrer Sicht, zu welchen beliebten Vorurteilen westliche Medien greifen und gaben einen Einblick, wie Handwerk und Mediensysteme international und in Russland funktionieren.

Faszination Spionage

"Wenn Medien über Russland schreiben, dann ist meist Putin im Zentrum der Erzählung", sagt Ivan Krastev. Der Politikwissenschafter und "New York Times"-Kolumnist weiß auch warum: Weil Personen für die Menschen immer interessanter seien. Ähnlich verhält es sich momentan auch mit Donald Trump. Warum sonst würde jeder Tweet des US-Präsidenten in Qualitäts- wie Boulevardmedien ausgeschlachtet, anstatt politische Entscheidungen und Prozesse aus den USA zu thematisieren? Dass Medien Putins Vergangenheit als KGB-Mann immer wieder aufgreifen, liege an der Faszination des Westens für russische Spionage und Intrigen, erklärt Vasily Gatov, Medienanalyst und Lektor an der Universität von Südkalifornien für Kommunikation und Journalismus.

"Es gibt nur zwei Gruppen: Russland-Kritiker und Russland-Versteher." Forscherin Anna Litvinenko rät zu mehr Ausgewogenheit im eigenen Medienkonsum und warnt Journalisten davor, zu sehr auf eine Seite zu kippen.

"Es gibt nur zwei Gruppen: Russland-Kritiker und Russland-Versteher." Forscherin Anna Litvinenko rät zu mehr Ausgewogenheit im eigenen Medienkonsum und warnt Journalisten davor, zu sehr auf eine Seite zu kippen.© WZ / Eva Zelechowski "Es gibt nur zwei Gruppen: Russland-Kritiker und Russland-Versteher." Forscherin Anna Litvinenko rät zu mehr Ausgewogenheit im eigenen Medienkonsum und warnt Journalisten davor, zu sehr auf eine Seite zu kippen.© WZ / Eva Zelechowski

In der Berichterstattung über Russland würden besonders zwei Punkte hervorgehoben: Schwäche (in Wirtschaft und Digitalisierung) und Aggression (in militärischer Hinsicht). Gleichzeitig empfinden jeweils beide, der Westen und Russland, die andere Seite als korrupt und "fake". So ist es heute.

"Bis zum Jahr 2007 hat Russland dem Westen noch geglaubt", sagt Gatov. Ein Ereignis, das das Blatt wendete, war Putins Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz von 2007 über die Problematik der Internationalen Sicherheit. In seiner München-Rede vom 10. Februar 2007 kritisierte Wladimir Putin das sogenannte globale US-Monopol. Als Resultat "fühlt sich niemand sicher. Weil sich niemand hinter dem Internationalen Recht verstecken kann. Natürlich stimuliert so eine Politik das Wettrüsten."

Zu einem weiteren historischen Wendepunkt kam es 2014 im Zuge der Maidan Revolution. Dass die USA und die EU die Teilnehmer der verbotenen Demonstrationen gekauft hätten, war eine in Russland verbreitete Verschwörungstheorie, sie wurde aber auch offiziell, etwa vom Kremlsprecher Sergei Peskow, kommuniziert.

"Die Russen" sind an allem Schuld

Das Narrativ der Dauerkritik des Westens an Russland sei im Prinzip ein sehr beliebter. Kaum ein Bericht der Staatsmedien RT (früher "Russia Today") und Sputnik kommt ohne die Opfer-Selbstdarstellung aus. Und schon wieder tragen "die Russen" die Verantwortung für eine Krise.

"Von Putin zu berichten, ist eine große Befriedigung in Russland. So kann RT jeden Tag stolz darauf verweisen, dass der Westen sie kritisiert. Es zeigt, sie sind effektiv", erklärt Medienexperte Gatov. Außerdem würde der Westen versuchen, die Bevölkerung in Russland zu manipulieren und zu beeinflussen, um ihr die eigenen Ansichten aufzuzwingen. Diese Meinung ist im ganzen Land sehr verbreitet, denn das Mediensystem Putin arbeitete viele Jahre daran, es aufzubauen.

Russland-Kritiker und Russland-Versteher

Anna Litvinenko forscht an der Freien Universität Berlin und untersucht den Medienkonsum der Russlanddeutschen. Offizielle Daten diesbezüglich gibt es keine. In deutschen Medien gebe es im Prinzip nur zwei Seiten: Russland-Kritiker und Russland-Versteher. Nur die Akteure würden wechseln, nicht aber die Positionen zu Russland. "Als Journalist ist es gefährlich, in diese Falle zu tappen und eine Seite einzunehmen", meint Litvinenko.

Zwar sei die Berichterstattung über Russland schon immer kritisch gewesen, aber seit 2014 hätten einige Aspekte auffällig zugenommen. Bei Konfliktberichterstattung sei mehr Thesenjournalismus, also eine nicht objektive, sondern als einseitig wahrgenommene Form von Journalismus zu beobachten, es gäbe mehr kritische Berichte als neutrale und die Arbeitsbedingungen für Korrespondenten hätten sich verschlechtert.

Außerdem hätten sich die Lesererwartungen dahingehend verändert, dass Berichte in den Mainstream-Narrativ passen müssten. Wenn sie das nicht tun, würden sie vom Leser von vornherein nicht angenommen. Für mehr Balance und einen Perspektivenwechsel im eigenen Medienkonsum empfiehlt die Forscherin die Website Dekoder. Die journalistische Plattform bietet "Medien und Kompetenz zum Thema Russland" und zeigt ein differenziertes Bild. Als "Russland-Entschlüssler" geben Wissenschafter und Journalisten Einblick in die Vielfalt russischer Medienstimmen.

Das Problem der Qualitätszeitungen

Wie es in Russland um mediale Vielfalt in Russland bestellt ist, hat Diana Kachalova, Chefredakteurin der Kreml-kritischen "Novaya Gazeta", in den vergangenen Jahrzehnten beobachtet. "2018 lesen die meisten Wähler keine Qualitätszeitungen, sondern informieren sich über das Fernsehen", sagt die Journalistin. Die Medienlandschaft habe sich von einer vielfältigen in eine einseitige verwandelt.

Früher war Fernsehen in Russland anders. Auf allen Sendern gab es viele Agenden, heute gebe es nur eine Agenda: das staatliche Narrativ. In Punkto Pressefreiheit sieht es auf dem Platz 148 von 180 im Index von Reporter ohne Grenzen zwar nicht so rosig aus, aber Probleme mit der Zensur hätten Medien wie die "Novaya Gazeta" nicht.

Ein anderes Problem sei größer: die Nichtleser. Keine Qualitätszeitung wisse, wie man diese Gruppe adressiert. "Der Einzige, der das weiß, ist Alexey Nawalny. Er versteht es, den Nerv zu treffen", sagt Kachalova, aber er habe in der Bevölkerung immer weniger Unterstützer. Der Oppositionspolitiker wollte bei der Präsidentenwahl am 18. März gegen den Amtsinhaber und sehr wahrscheinlich künftigen Präsidenten Wladimir Putin antreten. Wegen einer Bewährungsstrafe wurde Nawalny jedoch das passive Wahlrecht verwehrt. Deswegen ruft der 41-Jährige zu einem Wahlboykott auf und organisiert Demonstrationen gegen Putin, der eine "Präsidentschaft auf Lebenszeit" wolle.

Weshalb genießt Putin hingegen so einen hohen Zuspruch unter den Russen? Die Journalistin meint, es liege zum Teil am starken Außenpolitik-Fokus der russischen Fernsehsender. Mit Außenpolitik meint sie "die schrecklichen Ereignisse im Ausland". Da viele Russen nicht ins Ausland reisen und sich davon überzeugen können, dass in Europa nicht nur katastrophale Zustände herrschen, sei es schwer, die Manipulation zu durchschauen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-09 16:31:09
Letzte Änderung am 2018-03-12 12:19:11


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