• vom 14.03.2018, 17:49 Uhr

Europastaaten

Update: 15.03.2018, 08:23 Uhr

Russland

Vergiftet, stranguliert, erschossen




  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Der Anschlag auf Sergej und Julia Skripal ist in Großbritannien nicht der erste rätselhafte Todesfall mit Russland-Bezug.

Nur Selbstmord - oder Mord? Auch der Fall des Oligarchen Beresowski, der 2013 stranguliert aufgefunden wurde, gibt Rätsel auf. - © afp/deSouza

Nur Selbstmord - oder Mord? Auch der Fall des Oligarchen Beresowski, der 2013 stranguliert aufgefunden wurde, gibt Rätsel auf. © afp/deSouza

London/Moskau. (leg/apa) Die Vergiftung des ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia weckt in Großbritannien Erinnerungen an den aufsehenerregenden Fall Alexander Litwinenko. Der ehemalige Agent des russischen Inlandsgeheimdiensts FSB war 1999 nach London geflohen und zum britischen Geheimdienst MI6 übergelaufen. Danach übte er scharfe Kritik am Kreml - dennoch war es ausgerechnet Litwinenko, der 2003 durch einen Tipp an Anti-Terror-Beamte von Scotland Yard ein Attentat zweier russischer Auftragsmörder auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu vereiteln half.

Ein Schluck aus einer lauwarmen Tasse grünen Tees wurde dem Russen im November 2006 dennoch zum Verhängnis: In einer Londoner Hotelbar hatte er Kollegen aus Geheimdienstzeiten getroffen, die ihm den Tee anboten. Litwinenko wurde noch in der Nacht übel, er musste erbrechen, litt unter Atemnot. Drei Wochen später war er tot - getötet durch das seltene radioaktive Metall Polonium 210, wie die Ärzte erst kurz vor seinem Ableben feststellten. Der spektakuläre Fall hielt die Medienöffentlichkeit der westlichen Welt wochenlang in Bann. Britischen Ermittlungen zufolge stecken die früheren russische Geheimdienstoffiziere Andrej Lugowoj und Dmitri Kowtun, die Moskau nicht auszuliefern bereit ist, hinter dem Mord an Litwinenko. Sie sollen den aus ihrer Sicht abtrünnigen "Verräter" bestraft haben. Außerdem soll laut britischen Angaben Kremlchef Putin die Tötung abgesegnet haben - Beweise gibt es für diese Vermutung aber keine. Dass die Tötungsart derart spektakulär war, dass der Imageschaden für Russland aufgrund der wochenlangen Berichterstattung enorm war, rief außerdem Gegenstimmen auf den Plan, die vermuteten, ein westlicher Geheimdienst könnte hinter der Tat stecken.


Rätselhaft bleibt bis heute auch der Tod des wohl prominentesten russischen Oligarchen der 1990er Jahre: Boris Beresowski. Der Geschäftsmann war in den 1990er Jahren die graue Eminenz der russischen Politik hinter Präsident Boris Jelzin und unterstützte auch Putin bei seinem Amtsantritt. Doch der wandte sich bald gegen seinen Verbündeten, entmachtete Beresowski und trieb diesen ins Exil nach London. Von dort aus unterstützte der Oligarch Putins Gegner in Russland - bis zu seinem Tod im Jahr 2013. Beresowski wurde stranguliert in seinem Haus bei London aufgefunden - alle Anzeichen deuten auf Selbstmord hin, die Polizei fand "nichts Verdächtiges", dennoch kann ein Attentat nicht ganz ausgeschlossen werden.

Grundsätzlich ist der Einsatz von Gift in Geheimdienstkreisen nicht unüblich. Dass etwa der ukrainische Politiker Wiktor Juschtschenko kurz vor seiner Wahl zum Präsidenten 2004 durch eine Dioxinvergiftung entstellt wurde, lasteten manche Moskau an. Und 1978 wurde der bulgarische Dissident Georgi Markow mit einem präparierten Regenschirm, der hochgiftiges Rizin injizierte, vergiftet. Vermutet wird hinter der Tat der bulgarische Geheimdienst.

In Österreich kam es 2009 zu einem aufsehenerregenden Todesfall, allerdings ohne Einsatz von Gift: Umar Israilow, ein ehemaliger Bodyguard des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, wurde in Wien-Floridsdorf auf offener Straße erschossen.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-14 17:53:50
Letzte Änderung am 2018-03-15 08:23:48


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Wenn Merkel weg muss
  2. Flüchtlings-Hilfsschiff "Lifeline" harrt aus
  3. Seehofers Kampfansage an Kanzlerin Merkel
  4. Österreich will bei EU-Gipfel Vermittlerrolle einnehmen
  5. "EU-Minigipfel" unter keinem guten Stern
Meistkommentiert
  1. Bayerische Selbstzerstörung
  2. Wenn Merkel weg muss
  3. Seehofer setzt Merkel Frist
  4. Parlament verabschiedete "Stop-Soros"-Gesetzespaket
  5. Asylstreit entzweit CDU/CSU


Werbung