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Update: 15.03.2018, 08:20 Uhr

Russland

Ksenia gegen alle, alle gegen Ksenia




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Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner

  • An der 36-jährigen Ksenia Sobtschak, einem ehemaligen Reality-TV-Star, der liberale Positionen vertritt, scheiden sich die Geister.

Nur eine Kandidatin des Kreml? Putin-Gegnerin Sobtschak.

Nur eine Kandidatin des Kreml? Putin-Gegnerin Sobtschak.© reuters/Maxim Shemetov Nur eine Kandidatin des Kreml? Putin-Gegnerin Sobtschak.© reuters/Maxim Shemetov

Moskau. "Ich bin eine Feministin", sagt Ksenia Sobtschak. Es ist ein bitterkalter Vormittag in Moskau, es hat minus elf Grad, und Sobtschak steht in Turnschuhen und einem Wintermantel vor dem russischen Parlament. "Feminismus hat in Russland einen schlechten Ruf", sagt sie, von dutzenden Fernsehkameras umringt. "Dabei geht es doch einfach nur um Gleichberechtigung und darum, dass sich Frauen nicht mehr von ihren Männern verprügeln lassen. Ich fände es gut, wenn auch Putin ein Feminist wäre!"

Es ist ein Protest gegen den Duma-Politiker Leonid Sluzkij, dem vorgeworfen wird, Journalistinnen sexuell belästigt zu haben. Sobtschak selbst hält ein Schild in der Hand: "Wir wollen diese Abgeordneten nicht!" Ein Fall, an dem sich der ganze Sexismus der russischen Politik entlud und auf den Sobtschak am Frauentag aufmerksam machen wollte - und für ihren Wahlkampf zu nutzen wusste.


In Umfragen bei zwei Prozent, Tochter eines Putin-Mentors
Ksenia Sobtschak tritt am Sonntag bei den Präsidentschaftswahlen an. "Gegen alle", so lautet ihr Slogan. Sie ist chancenlos, Umfragen sehen sie bei zwei Prozent. Dennoch scheiden sich an ihrer Kandidatur die Geister: Ein Kreml-Projekt, das nur dazu da ist, um die Beteiligung am Wahltag anzukurbeln, dem Urnengang etwas Pepp zu verleihen und somit die Legitimität von Putins Wiederwahl zu steigern, sagen die einen. Zumindest eine kleine Chance für die schwache Opposition, die anderen.

Bei vielen Kreml-Gegnern ruft alleine schon ihre Vita Naserümpfen hervor. Sie ist die Tochter Anatolij Sobtschaks, des ehemaligen Bürgermeisters von St. Petersburg, der Putins wichtigster Mentor war. Bekannt wurde Sobtschak als Fernsehstar im russischen Reality-TV. Doch später wechselte sie auf die Seite der Opposition. Bei den Protesten 2011/12 wurde sie in einem Gefangenentransporter abgeführt. "Ich habe eigentlich erwartet, dass ich einen VIP-Truck für mich alleine bekomme", spottete sie damals selbstironisch. Zuletzt hat sie als Fernsehjournalistin für den Online-Sender TV Rain gearbeitet, dem 2014 die Lizenz entzogen wurde. "Es ist deine Entscheidung und deine Verantwortung", soll ihr Putin gesagt haben, als sie am Rande eines Interviews ankündigte, gegen ihn anzutreten.

Man kann Sobtschak bestimmt nicht vorwerfen, sich nicht ins Zeug zu legen: Der 36-jährige Fernsehstar gibt sich bürgernah und nimmt an Protesten gegen Müllhalden, Bauprojekte und sexuelle Belästigung teil. Im Fernsehen hat sie schon viele heiße Eisen thematisiert - sei es die Annexion der Krim oder Rechte für LGBT-Personen. Bei einer TV-Fragerunde stellte sie Putin zur Rede, warum der Oppositionelle Alexej Nawalny nicht zu den Wahlen zugelassen wurde, die Nennung seines Namens ist ansonsten im Staatsfunk tabu. "Selbst wenn wir davon ausgehen, dass ich ein Kreml-Projekt bin, dann bin ich doch ein ziemlich gutes, weil ich Dinge anspreche, über die sonst geschwiegen wird", so Sobtschak zuletzt in einem Podcast.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-14 17:59:57
Letzte Änderung am 2018-03-15 08:20:56


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