• vom 03.04.2018, 11:16 Uhr

Europastaaten

Update: 03.04.2018, 12:30 Uhr

Ungarn

Aufschwung mit Ablaufdatum




  • Artikel
  • Lesenswert (11)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexander Dworzak

  • Ökonom Sándor Richter kritisiert die "sehr kurzfristige" wirtschaftspolitische Strategie von Premier Viktor Orbán.

Die Autoindustrie ist Liebkind von Premier Orbán.

Die Autoindustrie ist Liebkind von Premier Orbán.© afp/Kisbenedek Die Autoindustrie ist Liebkind von Premier Orbán.© afp/Kisbenedek

Budapest/Wien. Bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen kann sich ein Regierungschef kaum wünschen, um einen Wahlkampf zu bestreiten. Am Sonntag will Viktor Orbán von den Ungarn das Mandat für seine dritte Amtszeit in Folge erhalten. Er kann darauf verweisen, dass das Wirtschaftswachstum deutlich höher als im EU-Schnitt sowie in Österreich ist. Die Arbeitslosenquote liegt laut EU-Statistikbehörde Eurostat in lediglich drei Unionsländern unter dem ungarischen Wert. Analog dazu sind die Grundgehälter in Ungarn sprunghaft gestiegen: um 6 Prozent bei Angestellten, bei Facharbeitern sogar um 7,4 Prozent von September 2016 bis September 2017. Für heuer rechnen die Deutsch-Ungarische Industrie- und Handelskammer und die Personalberatung Kienbaum mit einem Plus von 6,4 Prozent für Angestellte und 6,8 Prozent für Facharbeiter.

Interventionismus in Form von Pensionskassenraub...
Rückblick: 2008 retteten der Internationale Währungsfonds, die EU und die Weltbank Ungarn - damals von den Sozialisten regiert - mit einem Notkredit in Höhe von 20 Milliarden Euro vor der Staatspleite. Viktor Orbán wurde 2010 Premier eines Krisenlandes.


Der Umbau der Staatsstrukturen in den Jahren der Fidesz-Alleinregierung machte auch vor der Wirtschaft nicht Halt. So sicherte sich die mit Zweidrittelmehrheit ausgestattete Partei nicht nur Einfluss über die Nationalbank. Sie traf auch höchst umstrittene Entscheidungen. Höhepunkt war die Plünderung der privaten Pensionskassen - die ironischerweise unter Orbán in dessen erster Amtszeit von 1998 bis 2002 eingeführt worden waren. Der Premier ließ diese im Jahr 2011 verstaatlichen. Rund zehn Milliarden Euro flossen auf diese Weise in das Staatsbudget. Für Aufregung auch in Österreich sorgte die Bankensteuer, schließlich sind die heimischen Finanzinstitute Erste und Raiffeisen in Ungarn stark vertretenen. Allerdings befeuerten die Geldhäuser eine Krise, indem sie Immobilien- und Konsumkredite in Fremdwährungen anboten. Doch dann schoss der Schweizer Franken gegenüber dem Forint durch die Decke. Mit Sondersteuern überzogen wurden auch der Einzelhandel und der Energiesektor. Die verarbeitende Industrie hätschelt Orbán jedoch - an der Spitze die deutschen Autobauer Daimler und Audi. Sie danken es, bauen ihre Werke kontinuierlich aus.

Ungarns Wirtschaft im Vergleich

Ungarns Wirtschaft im Vergleich© WZ-Grafik, Eurostat. WIIW Ungarns Wirtschaft im Vergleich© WZ-Grafik, Eurostat. WIIW

Trotz der fehlenden rechtsstaatlichen Sicherheit kehrten aber nur die allerwenigsten Unternehmen Ungarn den Rücken. Sie schafften jedoch Anfang der 2010er Jahre ihre Gewinne möglichst geräuschlos außer Landes. Viele Ungarn stimmten mit den Füßen ab; je nach Berechnung verließen 300.000 bis 500.000 Menschen seit Orbáns Wahl 2010 das Land. Sie fehlen nun in Zeiten der Hochkonjunktur, insbesondere bei Facharbeitern ist der Mangel eklatant. Die Auswanderer helfen Orbán jedoch doppelt: Der ungarische Staat muss für sie keine Sozialkosten tragen. Und da die Auswanderer Devisen in die Heimat schicken, kurbeln sie den Konsum in Ungarn an. Auf ein bis zwei Milliarden Euro pro Jahr schätzt Sándor Richter vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) die Überweisungen der Auslandsungarn. Diese seien eine wichtige Quelle des derzeitigen Wirtschaftswachstums.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-03 11:21:06
Letzte Änderung am 2018-04-03 12:30:37


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. EU-Solidarität in vielen Varianten
  2. Tränengas und Festnahmen bei Protesten gegen Orban
  3. Auftakt zum EU-Milliarden-Poker
  4. Tusk und Juncker mit breitem Lob für Kurz
  5. Franziskus an der Krippe
Meistkommentiert
  1. Kramp-Karrenbauer ist neue Vorsitzende
  2. Mehr als 1700 Festnahmen bei "Gelbwesten"-Protesten
  3. Jean Asselborn: "Wir verlieren unsere Seele"
  4. Belgiens Regierung zerbricht am Migrationspakt
  5. Ermittler fahnden nach Attentäter

Werbung




Werbung