• vom 15.04.2018, 07:00 Uhr

Europastaaten


Bosnien-Herzegowina

Sarajewos Seilbahn, ein Friedenssymbol




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (31)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Thomas Seifert

  • 26 Jahre nach der Zerstörung im Krieg fahren die Gondeln wieder - ein Zeichen von wiedergewonnener Normalität.



Sarajewos Bürgermeister Abdulah Skaka hat die Errichtung der Seilbahn vorangetrieben.

Sarajewos Bürgermeister Abdulah Skaka hat die Errichtung der Seilbahn vorangetrieben.© Wiener Zeitung, Thomas Seifert Sarajewos Bürgermeister Abdulah Skaka hat die Errichtung der Seilbahn vorangetrieben.© Wiener Zeitung, Thomas Seifert

Sarajewo. Die Geschichte der vergangenen Woche wiedereröffneten Seilbahn von Sarajewo ist eine Geschichte von Krieg und Frieden. Zwischen den Stützen sieben und acht verlief in den frühen 1990er Jahren die Front, bei der Fahrt mit der Bahn kann man aus den Geländekonturen noch die Lage der Schützengräben und Artilleriestellungen von damals lesen, nicht weit von der Trasse stehen noch Häuserruinen.

In der Bergstation erinnert eine Steintafel an Ramo Biber, der am 2. März 1992 eines der ersten Opfer des Krieges in Bosnien wurde. Er hatte an diesem Tag gemeinsam mit seinem Kollegen Abdulah Rizvanovic seinen Dienst versehen, als eine Gruppe bewaffneter Milizen die Station umstellte. Rizvanovic konnte in den Wald fliehen, Biber wurde erschossen. Tags zuvor hatte Bosnien-Herzegowina seine Unabhängigkeit vom jugoslawischen Bundesstaat verkündet, 63 Prozent der der Stimmberechtigten nahmen damals am Referendum teil, 99,4 Prozent entschieden sich für die Unabhängigkeit - die bosnischen Serben folgten damals dem Aufruf des Anführers der bosnischen Serben Radovan Karadcic und boykottierten die Wahl.

Anton und Michael Seeber von Leitner Ropeways waren für den Bau verantwortlich.

Anton und Michael Seeber von Leitner Ropeways waren für den Bau verantwortlich.© Thomas Seifert Anton und Michael Seeber von Leitner Ropeways waren für den Bau verantwortlich.© Thomas Seifert

Gleich als der Krieg begann kappten die Bosnien das Drahtseil, weil sie fürchteten, dass die Serben Bomben am Seil zu Tal gleiten lassen. Die Bergstation wurde von den serbischen Milizen zu einem Nest für Scharfschützen umfunktioniert.


Die Belagerung von Sarajewo Krieg in Bosnien begann in der Nacht vom 4. auf den 5. April 1992, als serbische Truppen den internationalen Flughafen einnahmen, und dauerte 1425 Tage - die längste Belagerung einer Stadt im 20. Jahrhundert. 11.541 Menschen verloren ihr Leben, rund 56.000 Bewohner von Sarajewo wurden teils schwer verletzt. Der Krieg endete mit der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Dayton im Winter 1995. Seither sind die Förderation Bosnien-Herzegowina und die serbisch dominierte Republika Srpska ein Fleckenteppich aus verschiedenen ethnischen Gruppen und Verwaltungseinheiten, einer der am schwersten zu regierenden Landstriche Europas. Aber immerhin herrscht Frieden. Und langsam gelingt es Sarajewo, der geschichtsträchtigen Stadt, sich vom Schrecken der Vergangenheit zu lösen und Schritt für Schritt zur Normalität zurückzukehren.


© Thomas Seifert © Thomas Seifert

Für Bürgermeister Abdulah Skaka ist die Wiedereröffnung der Seilbahn ein politischer Triumph. Denn die 33 Gondeln, die nun wieder fahren, sind für ihn ein Symbol dafür, dass die Stadt wieder an die Geschichte vor dem Krieg anknüpfen kann: Die Gondeln der Seilbahn sind in den olympischen Farben gehalten, und erinnern so an Sarajewos beste Tage: die Winterspiele aus dem Jahr 1984, als die Stadt stolz und selbstbewusst auf die Weltbühne trat und ein tolles Sportfest ausrichtete (in Österreich erinnert man sich freilich ungern an diese Spiele, denn die Medaillenausbeute war katastrophal). Die Seilbahn war damals neben der spektakulär schnellen Bobbahn eines der Wahrzeichen dieser Spiele.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-13 18:27:19
Letzte Änderung am 2018-04-13 19:31:57


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Tränengas und Festnahmen bei Protesten gegen Orban
  2. EU-Solidarität in vielen Varianten
  3. Auftakt zum EU-Milliarden-Poker
  4. Tusk und Juncker mit breitem Lob für Kurz
  5. Streit in Gottes Namen
Meistkommentiert
  1. Kramp-Karrenbauer ist neue Vorsitzende
  2. Mehr als 1700 Festnahmen bei "Gelbwesten"-Protesten
  3. Jean Asselborn: "Wir verlieren unsere Seele"
  4. Belgiens Regierung zerbricht am Migrationspakt
  5. Ermittler fahnden nach Attentäter

Werbung




Werbung