• vom 15.05.2018, 09:25 Uhr

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Update: 15.05.2018, 15:54 Uhr

Klimawandel

"Mehr Tote als durch Krieg"




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Von WZ Online, APA

  • Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger erinnert beim Klimagipfel an tödliche Luftverschmutzung.

Schwarzenegger und Van der Bellen versuchen einen Selfie in der Hofburg. - © HBF/Lechner

Schwarzenegger und Van der Bellen versuchen einen Selfie in der Hofburg. © HBF/Lechner

Wien. Mit Unterstützung der Sängerknaben hat der zweite "Austrian World Summit" in der Wiener Hofburg am Dienstag begonnen. Arnold Schwarzenegger, seine Initiative R20 veranstaltet den Gipfel, fand klare Worte zum Klimaschutz. "Man muss aufzeigen, was bereits hier und jetzt passiert", erinnerte der Ex-Gouverneur an die Millionen Menschen, die jährlich aufgrund der Luftverschmutzung sterben.

Vor den Reden erinnerte ein auf der Videowall präsentierter Film, der in einem Boot rudernde Sängerknaben zeigte und in dem Ausschnitte aus Naturkatastrophen eingeblendet wurden, an die gegenwärtigen Auswirkungen der Treibhausgase. Mit einem anschließenden Bühnenauftritt des Chors startete der Gipfel dabei äußerst professionell. Schwarzenegger bezog sich dann auf eine kürzlich publizierte Studie der WHO, wonach mehr als 90 Prozent der Menschen verschmutzter Luft ausgesetzt und rund sieben Millionen Menschen an den Folgen dieser Belastung jährlich sterben. "Das sind mehr Tote als durch Aids, als durch Tuberkulose", sagte der 70-Jährige, "mehr als durch Kriege getötet werden", unterstrich er die Dringlichkeit eines raschen Handelns. Über diese täglichen Tragödien müsse man sprechen.

"Wir sind die Gewinner"

Was die Energiewende betrifft, so rief Schwarzenegger zu mehr Optimismus und Aktivität auf. Zu oft würde man sich in die Opferrolle begeben und so tun, als ob man den Kampf gegen die fossilen Energien verlieren würde. "Ihr könnt Euch nicht verstecken, wir sind die Gewinner", so der gebürtige Steirer. Es sei die halbe Miete, an sich zu glauben, sagte er den rund 1.200 Gästen in der Hofburg. Und man müsse ein riesiges Gewicht stemmen.

Der erste Mann am Podium war jedoch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), der aber von Aktivisten der NGO "System Change, not Climate Change" verdrängt wurde. Eine Sprecherin der Gruppe kam ans Mikrofon, kritisierte unter anderem die Förderung von fossiler Energie und den Bau der dritten Piste am Flughafen Wien. Kurz wie auch die Saalordner ließen die Aktivisten gewähren. "Das Statement zeigt, dass Klimaschutz ein Thema ist, das bewegt", kommentierte der Kanzler die Aktion.

Kein Widerspruch: Wirtschaft und Klimaschutz

"Bei einem muss ich in dem vorhin gesagten recht geben: Es geht nicht darum, was gesagt wird, sondern was getan wird", ging der Bundeskanzler auch inhaltlich auf das zuvor Gehörte ein und betonte zugleich, dass Wirtschaft und Klimaschutz kein Widerspruch seien. Die Frage sei nicht "Wachstum oder Nachhaltigkeit, sondern ein nachhaltiges Wachstum sei gefragt". "Wir brauchen einen CO2-Mindestpreis im Emissionshandel", forderte Kurz. Und zu UN-Generalsekretär Antonio Guterres meinte er, "und wir brauchen auch die USA", die wieder Teil des Pariser Klimaabkommens werden sollten.

Pioniere gesucht

Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der wieder den Ehrenschutz des Gipfels innehat, erinnerte daran, dass es bei allen Veränderungen die Pioniere seien, "die voran gehen, bis aus einer Vision eine Bewegung wird, die nicht mehr aufzuhalten ist" - und diese brauche es, um den Wandel des Weltklimas zu stoppen.

Der Pariser Klimavertrag sei zwar historisch, "ob er reicht, ist aber nicht sicher", stellte Van der Bellen fest. Der Umstieg von fossilen auf CO2-neutrale Energien sei leicht gesagt, "aber nicht weniger als eine neue industrielle Revolution", eine Revolution die man schaffen müsse und schaffen werde.

"Aber wir sind an einem Wendepunkt angelangt", führte der Bundespräsident weiter aus. Es ginge nicht um heißere tage, um eine größere Zahl an Unwettern, intensivere Gewitter oder längere Trockenperioden. "Es geht darum die letztlich irreversiblen folgen des Klimawandels zu verhindern", und nach etwa 50 Jahren der Diskussion müsse etwas geschehen, denn "was wir nicht jetzt tun, wird uns später viel mehr auf den Kopf fallen".

Österreich habe den Kampf gegen den Klimawandel als kleines Land genau so mitzutragen, wir können noch viel besser werden. Die österreichische Klimastrategie solle ein Vorbild für die EU werden. Van der Bellen lobte abschließend die Idee für einen CO2-Mindestpreis und prophezeite mit Blick in Richtung der UN-Klimakonferenz 2018 in Kattowitz unter österreichischer EU-Ratspräsidentschaft: "Das wird ein hartes Stück Arbeit."

"Klimawandel ist größtes Problem"

UN-Generalsekretär Antonio Guterres betonte, dass es auch um die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) ginge, mit denen sich die UN-Staaten bis 2030 dazu verpflichteten, die Lebensumstände ihrer Bevölkerung und ihr Umweltverhalten zu verbessern, und dass die in Paris festgelegten Ziele nicht ausreichen werden. "Jeden Tag sehe ich die Probleme der Welt, aber keines ist so groß wie der Klimawandel."

Hier zu scheitern, würde auch alle anderen Ziele obsolet machen, daher brauche man alle Ressourcen, um die Klimaziele zu erreichen. Dafür brauche es Führungsqualitäten und Innovationskraft, forderte der UN-Generalsekretär in seiner Ansprache. Rund ein Fünftel der Energie werde bereits durch Erneuerbare Energieträger geliefert, die Preise dafür in den vergangenen Dekaden gesunken und die Investitionen in diesen Sektor steigen, sagte der UN-Generalsekretär weiter. "Grüne Energie macht nicht nur aus klimatischen Überlegungen Sinn, sondern auch aus wirtschaftlicher Hinsicht", argumentierte Guterres.

Köstinger für CO2-Mindestpreis
Elisabeth Köstinger (ÖVP) hat sich am Dienstag beim zweiten "Austrian World Summit" in der Wiener Hofburg klar für einen CO2-Mindestpreis ausgesprochen. Unterstützung erhofft sich die Umweltministerin von Frankreich, um das Vorhaben auf EU-Ebene umsetzen zu können.

Dieser Mindestpreis sollte einerseits neben dem Emissionshandel eingeführt werden und zugleich so hoch sein, dass die gewünschten Lenkungseffekte eintreffen, betonte die Politikerin. Mit den lukrierten Geldern würden zudem Investitionen in den Klimaschutz ermöglicht.

Unterstützung für ihr Vorhaben, das im Rahmen der österreichischen EU-Präsidentschaft angegangen werden soll, bekam Köstinger von der französischen Staatssekretärin Brune Poirson. Diese forderte einerseits, in ihrer Heimat "Ambitionen durch Aktionen zu ergänzen", aber auch dass die EU eine Führungsrolle in Sachen Klima übernehmen soll. "Wir sind nie ehrgeizig genug", betonte die Politikerin. Auch sie trat für einen "ambitionierten" Preis ein, und zwar von 25 bis 30 Euro pro Tonne CO2. "Das wäre das richtige Signal in die richtige Richtung."

Köstinger will den Schwerpunkt insbesondere auf die Stromerzeugung legen, die in Österreich bereits zu etwa 70 Prozent durch erneuerbare Energien gelingt. Bis 2030 beträgt das Ziel 100 Prozent. Frankreich hingegen hat mit einem ganz anderen Mix aufzuwarten, nämlich mit 75 Prozent Atomkraft. "Können wir alle AKW schließen? Nein", gab sich Poirson realistisch. Allerdings wolle man den Anteil auf 50 Prozent senken. "Und im Unterschied zu früheren Regierungen tun wir auch, was wir ankündigen", versprach die Staatssekretärin.

Den Worten will auch Köstinger Taten folgen lassen: Die Konsultationen zur bereits präsentierten Klimastrategie der türkis-blauen Regierung seien am Laufen und die Endfassung solle in den nächsten Wochen im Ministerrat beschlossen werden. Was das Reduktions-Etappenziel 2020 betrifft, sei sie trotz der zuletzt gestiegenen CO-Emissionen "relativ zuversichtlich", dieses auch schaffen zu können.





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Dokument erstellt am 2018-05-15 09:05:21
Letzte Änderung am 2018-05-15 15:54:39



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