• vom 24.05.2018, 17:49 Uhr

Europastaaten

Update: 25.05.2018, 07:23 Uhr

Schwangerschaftsabbrüche

Der fremdbestimmte Bauch




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Von Anja Stegmaier

  • Der Schwangerschaftsabbruch ist in fast allen Ländern Europas ein Fall im Strafgesetzbuch. Der Staat räumt aber Ausnahmen ein. Kosten, Zwangsberatung und Wartezeiten sind weitere Hürden für Betroffene.



Dublin/Wien. Wer über den Unterleib einer Frau bestimmt, ist nicht immer sie selbst. Vor allem, wenn es um eine Schwangerschaft geht.

Die Iren stimmen diesen Freitag darüber ab, ob der 1983 der Verfassung hinzugefügte achte Artikel aufgehoben wird. Dieser definiert, dass das ungeborene Leben dem der Mutter gleichzusetzen ist und vom Staat beschützt werden muss. Wird dieser Artikel gekippt, sind erstmals Reformen bei Schwangerschaftsabbrüchen im Land möglich. Bis jetzt hat Irland eines der striktesten Abtreibungsverbote in ganz Europa, das in einer Volksabstimmung 983 bekräftigt wurde. Die Strafe: 14 Jahre Gefängnis. Seit 2013 sind Abbrüche erlaubt, wenn das Leben der Mutter bedroht ist. Frauen wird jedoch eine Abtreibung verweigert, wenn die Gesundheit der Mutter "bloß" gefährdet ist, der Fötus fehlgebildet oder das Resultat einer Vergewaltigung ist.


Wie sieht es im Rest von Europa aus? Nur Malta, Andorra und San Marino sind in Europa noch restriktiver als Irland - diese Länder verbieten einen Abbruch ausnahmslos.

Aber auch in Monaco, Liechtenstein, Irland, Nordirland und Polen ist der Abbruch verboten. Polen ist hier ein Sonderfall. Das Land hatte, wie viele ex-kommunistische Nachbarn, eine liberale Regelung. Der Schwangerschaftsabbruch war in jedem Krankenhaus auf Wunsch und kostenfrei möglich. Doch auf Druck Papst Johannes Pauls II. erließ das Parlament 1993 ein Gesetz, das Abtreibung verbietet. Ausgenommen von Strafe sind Abbrüche, wenn die Frau vergewaltigt wurde, sie Opfer von Inzest, der Fötus stark beschädigt ist oder die Schwangerschaft eine Gefahr für die Gesundheit der Frau darstellt. Tatsächlich lehnen aber viele Ärzte und Spitäler den Eingriff ab oder vergeben über Wochen keinen Termin, was dazu führt, dass die legale Frist von drei Monaten überschritten wird. Viele Polinnen nehmen daher vermehrt einen Abbruch im Ausland vor, insbesondere Tschechien und Deutschland - verbunden mit entsprechenden Kosten und Strapazen.

Christian Fiala, ärztlicher Leiter und Mitbegründer des Gynmed-Ambulatoriums in Wien, geht es dabei nicht so sehr um liberal versus restriktiv. "In der Demokratie geht es darum, welches Selbstbestimmungsrecht der Staat den betroffenen Frauen zugesteht", sagt der Gynäkologe der "Wiener Zeitung".

Sein Urteil über den Zustand Europas fällt ernüchternd aus: "Es gibt in Europa kein Land, das seinen Bürgern in diesem intimsten Lebensbereich wirkliche Selbstbestimmung zugesteht."

Für den Mediziner ist Kanada ein Vorbild. Dort erklärte der Oberste Gerichtshof bereits 1988, dass das Strafgesetz mit dem Schwangerschaftsabbruch nichts zu tun haben darf. Die Verbindung sei menschenrechtswidrig. Der Tatbestand wurde ersatzlos aufgehoben.

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Dokument erstellt am 2018-05-24 17:55:00
Letzte Änderung am 2018-05-25 07:23:02


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