Charlotte Bartels ist Verteilungsexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und im Projektteam rund um Thomas Piketty zum Aufbau einer weltweiten Datenbank für Ungleichheit (World Inequality Database). Ihr aktueller Forschungsschwerpunkt ist die langfristige Einkommensverteilung in Deutschland seit 1870. - © Privat
Charlotte Bartels ist Verteilungsexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und im Projektteam rund um Thomas Piketty zum Aufbau einer weltweiten Datenbank für Ungleichheit (World Inequality Database). Ihr aktueller Forschungsschwerpunkt ist die langfristige Einkommensverteilung in Deutschland seit 1870. - © Privat

"Wiener Zeitung": Frau Bartels, Sie arbeiten im Team um den Ökonomen Thomas Piketty mit, das eine weltweite Datenbank für Ungleichheit (World Inequality Database) aufbaut. Sie kümmern sich in dem Projekt um Deutschland und haben jüngst eine Studie veröffentlicht, die dort Einkommensungleichheit historisch vergleicht. Zu welchen Schlüssen sind Sie da gelangt?

Charlotte Bartels: Wir haben festgestellt, dass der Einkommensanteil des im Jahr erwirtschafteten Nationaleinkommens, der an die obersten 10 Prozent der Bevölkerung geht, heute gleich hoch ist wie 1913 - nämlich 40 Prozent.

Jetzt könnte man argumentieren, dass sich seit 1913 nichts geändert hat und die Verhältnisse immer gleichgeblieben sind. War es so?

Nein. Es gab erhebliche Schwankungen.

Wie haben die ausgesehen?

Es gibt in der Kurve zwei radikale Einschnitte. Diese waren der Erste und der Zweite Weltkrieg. Nach dem Ersten Weltkrieg ist die Ungleichheit radikal gesunken, weil die Lohneinkommen sehr stark gestiegen sind. Die Gewerkschaften hatten in den 1920er Jahren eine sehr starke Machtposition. Gleichzeitig gab es eine Hyperinflation, was die Kapitaleinkünfte, die für die Elite ökonomisch relevant sind, deutlich reduziert hat. Mit der Machtübernahme der Nazis explodiert die Ungleichheit allerdings wieder, die Unternehmer profitieren überproportional.

Diese Erkenntnis mag für manche überraschend sein. Schließlich haben Historiker in den letzten Jahren und Jahrzehnten, angelehnt an das Buch "Hitlers Volksstaat" von Götz Aly, eher das sozialistische Element am Nationalsozialismus betont. Auch so manche sozialstaatliche Regelung, die heute noch gilt, geht ja auf damals zurück.

Unter Wirtschaftshistorikern herrscht Konsens, dass die Politik der Nazis sehr elitenfreundlich war. Unternehmenseinkommen explodieren in dieser Phase. Gleichzeitig aber wurden die Gewerkschaften aufgelöst und die Lohneinkommen stagnierten.

Und nach 1945?

Reduzieren sich die Spitzeneinkommen zunächst wieder, weil die deutsche Wirtschaft Zeit brauchte, um wieder in Fahrt zu kommen. Aber dann können die obersten ein Prozent der Bevölkerung - die Unternehmer - relativ schnell wieder ihren Einkommensanteil erhöhen, viel schneller übrigens als in Frankreich, den USA oder Großbritannien. Im internationalen Vergleich hat der Zweite Weltkrieg die Einkommensungleichheit in Deutschland überraschend wenig reduziert. Die USA überholen Deutschland erst in den 1980er Jahren, unter Präsident Ronald Reagan. Deutschland ist in dieser Gruppe in puncto Einkommenskonzentration in der Nachkriegszeit der Spitzenreiter.