• vom 18.06.2018, 15:59 Uhr

Europastaaten

Update: 19.06.2018, 10:49 Uhr

Ungleichheit

"Nur die obersten 10 Prozent profitieren wirklich"




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Von Gerhard Lechner

  • Die Ökonomin Charlotte Bartels sieht einen sich verbreiternden Graben zwischen Bürgern und wenigen Systemprofiteuren.



Ein Protestschild bei einer Demonstration gegen die Macht der Finanzmärkte vor dem Reichstag in Berlin im Jahr 2011.

Ein Protestschild bei einer Demonstration gegen die Macht der Finanzmärkte vor dem Reichstag in Berlin im Jahr 2011.© afp/Sebastian Kahnert Ein Protestschild bei einer Demonstration gegen die Macht der Finanzmärkte vor dem Reichstag in Berlin im Jahr 2011.© afp/Sebastian Kahnert

"Wiener Zeitung": Frau Bartels, Sie arbeiten im Team um den Ökonomen Thomas Piketty mit, das eine weltweite Datenbank für Ungleichheit (World Inequality Database) aufbaut. Sie kümmern sich in dem Projekt um Deutschland und haben jüngst eine Studie veröffentlicht, die dort Einkommensungleichheit historisch vergleicht. Zu welchen Schlüssen sind Sie da gelangt?

Charlotte Bartels: Wir haben festgestellt, dass der Einkommensanteil des im Jahr erwirtschafteten Nationaleinkommens, der an die obersten 10 Prozent der Bevölkerung geht, heute gleich hoch ist wie 1913 - nämlich 40 Prozent.

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Ungleichheit in Österreich

Eine Forschung wie die von Charlotte Bartels in Deutschland ist laut dem Wirtschaftswissenschafter Matthias Schnetzer in Österreich so nicht möglich. "Wir können hierzulande eine solche Studie über so einen langen Zeitraum nicht durchführen. Teils ist das Material nicht aufbereitet, teils in dieser Qualität nicht vorhanden", sagt der Ökonom, der bei der Arbeiterkammer in Wien über Einkommensentwicklung und -verteilung forscht. Vertrauenswürdige Ergebnisse würden in Österreich erst ab Mitte der 1970er Jahre vorliegen. "Qualitativ hochwertig sind die aber auch nur für bestimmte Einkommenssegmente, etwa die Lohneinkommen", so Schnetzer. Bei den Daten, die erfasst sind, gebe es aber eine starke Parallele zur Entwicklung in Deutschland. "Seit den 1980er Jahren steigt auch in Österreich die Ungleichheit, ab den 1990ern nimmt sie dramatisch zu", resümiert Schnetzer.

Jetzt könnte man argumentieren, dass sich seit 1913 nichts geändert hat und die Verhältnisse immer gleichgeblieben sind. War es so?

Nein. Es gab erhebliche Schwankungen.

Wie haben die ausgesehen?

Charlotte Bartels ist Verteilungsexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und im Projektteam rund um Thomas Piketty zum Aufbau einer weltweiten Datenbank für Ungleichheit (World Inequality Database). Ihr aktueller Forschungsschwerpunkt ist die langfristige Einkommensverteilung in Deutschland seit 1870.

Charlotte Bartels ist Verteilungsexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und im Projektteam rund um Thomas Piketty zum Aufbau einer weltweiten Datenbank für Ungleichheit (World Inequality Database). Ihr aktueller Forschungsschwerpunkt ist die langfristige Einkommensverteilung in Deutschland seit 1870.© Privat Charlotte Bartels ist Verteilungsexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und im Projektteam rund um Thomas Piketty zum Aufbau einer weltweiten Datenbank für Ungleichheit (World Inequality Database). Ihr aktueller Forschungsschwerpunkt ist die langfristige Einkommensverteilung in Deutschland seit 1870.© Privat

Es gibt in der Kurve zwei radikale Einschnitte. Diese waren der Erste und der Zweite Weltkrieg. Nach dem Ersten Weltkrieg ist die Ungleichheit radikal gesunken, weil die Lohneinkommen sehr stark gestiegen sind. Die Gewerkschaften hatten in den 1920er Jahren eine sehr starke Machtposition. Gleichzeitig gab es eine Hyperinflation, was die Kapitaleinkünfte, die für die Elite ökonomisch relevant sind, deutlich reduziert hat. Mit der Machtübernahme der Nazis explodiert die Ungleichheit allerdings wieder, die Unternehmer profitieren überproportional.

Diese Erkenntnis mag für manche überraschend sein. Schließlich haben Historiker in den letzten Jahren und Jahrzehnten, angelehnt an das Buch "Hitlers Volksstaat" von Götz Aly, eher das sozialistische Element am Nationalsozialismus betont. Auch so manche sozialstaatliche Regelung, die heute noch gilt, geht ja auf damals zurück.

Unter Wirtschaftshistorikern herrscht Konsens, dass die Politik der Nazis sehr elitenfreundlich war. Unternehmenseinkommen explodieren in dieser Phase. Gleichzeitig aber wurden die Gewerkschaften aufgelöst und die Lohneinkommen stagnierten.

Und nach 1945?

Reduzieren sich die Spitzeneinkommen zunächst wieder, weil die deutsche Wirtschaft Zeit brauchte, um wieder in Fahrt zu kommen. Aber dann können die obersten ein Prozent der Bevölkerung - die Unternehmer - relativ schnell wieder ihren Einkommensanteil erhöhen, viel schneller übrigens als in Frankreich, den USA oder Großbritannien. Im internationalen Vergleich hat der Zweite Weltkrieg die Einkommensungleichheit in Deutschland überraschend wenig reduziert. Die USA überholen Deutschland erst in den 1980er Jahren, unter Präsident Ronald Reagan. Deutschland ist in dieser Gruppe in puncto Einkommenskonzentration in der Nachkriegszeit der Spitzenreiter.




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Schlagwörter

Ungleichheit, Deutschland

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-18 16:04:34
Letzte Änderung am 2018-06-19 10:49:13


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