• vom 19.06.2018, 07:00 Uhr

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Update: 19.06.2018, 10:54 Uhr

Griechenland

Das Hellenikon-Ultimatum




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Von WZ-Korrespondent Ferry Batzoglu

  • Eine Sozialklinik in Griechenland soll einem Stadtentwicklungsprojekt für eine gehobene Klientel weichen.

In der von Georgios Vichas gegründeten Einrichtung wurden bisher 900.000 Packungen Medikamente gratis ausgegeben.

In der von Georgios Vichas gegründeten Einrichtung wurden bisher 900.000 Packungen Medikamente gratis ausgegeben.© Batzoglu In der von Georgios Vichas gegründeten Einrichtung wurden bisher 900.000 Packungen Medikamente gratis ausgegeben.© Batzoglu

Athen. Georgios Vichas erfuhr von dem Ultimatum, als er in seiner Wohnung seiner kleinen Adoptivtochter ein Märchen vorlas. Das kleine Mädchen hatte er erst vor wenigen Wochen aus Äthiopien nach Athen mitgebracht und zum neuen Familienmitglied gemacht. Vichas brauchte nicht lange, um den Text, den seine Mitstreiter nach der Zustellung sofort gescannt und ihm gemailt hatten, auf seinem Smartphone zu lesen. Große Wut habe er dabei verspürt, sagt der Mittfünfziger, der normalerweise eine fast stoische Ruhe bewahrt. "Es ist dieser Zynismus, diese Unmenschlichkeit, die diese wenigen Zeilen versprühen. Zugleich hat es uns allen, mir und meinen Kollegen, aber auch einen innerlichen Auftrieb verliehen. Um weiterzukämpfen. Jetzt erst recht."

Vichas, dichtes Haar, sportlich, sitzt an diesem brütend heißen Tag im Juni in seinem Behandlungszimmer in der Sozialklinik Hellenikon im Südosten von Athen. Der Kardiologe hat die Klinik Ende 2011 gemeinsam mit anderen Freiwilligen gegründet. Ihr Credo: "Wer krank und arm ist, dem helfen wir. Keiner ist in der Krise alleine."


Kollabiertes Gesundheitssystem
Damals, vor sieben Jahren, hatte die desaströse Griechenland-Krise gerade ihren Anfang genommen. Ob die drastischen Einschnitte bei Löhnen, Gehältern und Pensionen oder die grassierende Massenarbeitslosigkeit: Die Mittelschicht schrumpfte, die Armut stieg. Abrupt und rapide. Die Statik der Hellenischen Republik kippte. Das Gesundheitssystem kollabierte. Ohne Sicherheitsnetz. Ohne Grundsicherung.

Die Sozialklinik hat mittlerweile sogar eine eigene Busstation.

Die Sozialklinik hat mittlerweile sogar eine eigene Busstation.© Batzoglu Die Sozialklinik hat mittlerweile sogar eine eigene Busstation.© Batzoglu

Das Versprechen, keinen alleine zu lassen, haben die 65 Ärzte, 22 Zahnärzte, 18 Apotheker, acht Psychologen, sechs Spezialtherapeuten und vier Ernährungswissenschafter gemeinsam mit 254 Bürgern in der Sozialklinik Hellenikon gehalten. Tag für Tag. Unermüdlich und alle ehrenamtlich. Geldspenden haben die Betreiber dabei keine angenommen, sondern lediglich Sachspenden aus Österreich, der Schweiz, Deutschland und vielen anderen Ländern.

64.017 Patienten haben bis Ende Mai die Sozialklinik Hellenikon besucht. Mehr als 900.000 Packungen Medikamente erhielten die Kranken seit der Eröffnung der Sozialklinik. Völlig kostenlos. Wer glaubt, die Not in Hellas habe sich derweil verringert, irrt aber gewaltig. Gerade Medikamente sind für die Patienten heute teurer denn je. Denn mit der Krise in Griechenland kamen auch schlagartig gestiegene Selbstbeteiligungen bei verschreibungspflichtigen Arzneien. Dies können sich viele Griechen einfach nicht mehr leisten. Sie suchen notgedrungen die Sozialklinik Hellenikon auf.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-18 17:49:35
Letzte Änderung am 2018-06-19 10:54:11


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