Budapest. So spricht ein Revolutionär, der die Bodenhaftung nicht verloren hat: "Ich werde binnen eines Jahres dafür sorgen, dass es in der Jozsefvaros kaum noch Obdachlose auf der Straße gibt." Peter Györi weiß, wovon er redet, denn der Soziologe befasst sich seit gut 30 Jahren wissenschaftlich und praktisch mit diesem Thema. Er lehrt Sozialpolitik an der Budapester Eötvös-Lorand-Universität, war 16 Jahre lang der Vize-Direktor des städtischen Obdachlosenheims und leitet jetzt die Obdachlosenstiftung Menhely. An diesem Sonntag kandidiert er auch noch für das Amt des Bürgermeisters in eben diesem Jozsefvaros, dem altehrwürdigen, aber sozial problematischen 8. Bezirk im Herzen von Budapest.

Der 63-jährige Györi war einer der Vielen, die vor 1989 auf die Wende hingearbeitet haben. Heute ist er so gut wie der Einzige aus diesem Kreis, der jetzt wieder politisch aktiv wird - als Parteiloser, unterstützt von sieben Oppositionsparteien und einem Zivilverein. Er will der übermächtigen Partei Fidesz von Premierminister Viktor Orban wenigstens dieses Stadtviertel abjagen. Notwendig geworden war diese Wahl, weil der letzte Bezirksbürgermeister Mate Kocsis nach der Parlamentswahl im April Fidesz-Fraktionsvorsitzender geworden ist. Györis Gegenkandidat ist jetzt Kocsis’ Stellvertreter im Bürgermeisteramt, Botond Sara.

Nervosität bei Fidesz


Ein Sieg über Fidesz durch den Zusammenschluss aller Oppositionsparteien hinter einem gemeinsamen unabhängigen Kandidaten war zuletzt im Februar im südungarischen Hodmezövasarhely gelungen: Der Jungpolitiker Peter Marki-Zay machte dort das Rennen zum großen Verdruss des Fidesz. Zu den Aussichten in Jozsefvaros gibt es keine Umfragen. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass die Regierungspartei nervös ist. So berichteten Bewohner, dass Fidesz-Aktivisten dort zum Wählerfang Lebensmittel an arme Leute verteilt hätten.

Schon Kocsis hatte gegen die Obdachlosen Stimmung gemacht. Jetzt aber hat das Thema in Ungarn Verfassungsrang: Das Wohnen auf der Straße wurde per Grundgesetz verboten. Dass dies ein reiner Image-Coup ist, kann Györi haarklein vorrechnen: In Budapest leben etwa 300 Menschen dauerhaft auf der Straße. Sie fallen auf, weil sie vor allem an den Knotenpunkten der Metro schlafen. Die Übrigen kampieren entweder in den Wäldern am Stadtrand oder sind in Obdachlosenheimen untergebracht. Dort gebe es 5000 Schlafplätze, Platz sei für alle da, betont Györi. Notwendig sei nur ein kluges Zusammenspiel von Polizei, Sanitätern und Sozialarbeitern, um die zumeist psychisch angeschlagenen Gestrandeten davon zu überzeugen, sich helfen zu lassen.