• vom 23.08.2018, 07:00 Uhr

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Update: 23.08.2018, 11:59 Uhr

Migration

"Fakten können Glauben nicht überwinden"




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Von Michael Ortner

  • Die Kriminologin Rita Haverkamp über alternative Fakten und warum die Statistik nicht die Realität abbildet.

"Jugendkriminalität ist normal, über alle Schichten verbreitet und episodenhaft – unabhängig von Nationalität oder Ethnie", sagt die Kriminologin Rita Haverkamp. - © franz12 - stock.adobe.com

"Jugendkriminalität ist normal, über alle Schichten verbreitet und episodenhaft – unabhängig von Nationalität oder Ethnie", sagt die Kriminologin Rita Haverkamp. © franz12 - stock.adobe.com

"Jugendkriminalität ist normal, über alle Schichten verbreitet und episodenhaft – unabhängig von Nationalität oder Ethnie", sagt die Kriminologin Rita Haverkamp von der Universität Tübingen.

"Jugendkriminalität ist normal, über alle Schichten verbreitet und episodenhaft – unabhängig von Nationalität oder Ethnie", sagt die Kriminologin Rita Haverkamp von der Universität Tübingen.© Friedhelm.Albrecht "Jugendkriminalität ist normal, über alle Schichten verbreitet und episodenhaft – unabhängig von Nationalität oder Ethnie", sagt die Kriminologin Rita Haverkamp von der Universität Tübingen.© Friedhelm.Albrecht

"Wiener Zeitung": Frau Haverkamp, welche Herausforderungen hat die "Migrationskrise" für den Rechtsstaat gebracht?

Rita Haverkamp: Das ist eine große Frage. Meines Erachtens ist nicht die Migration das Problem, sondern die Reaktion darauf.

Information

Rita Haverkamp ist Juristin und Kriminologin. Sie hat seit Oktober 2013 die Stiftungsprofessur für Kriminalprävention und Risikomanagement an der Eberhard Karls Universität Tübingen inne. Ihre Schwerpunkte liegen unter anderem auf Kriminalprävention, Sicherheitsforschung, Terrorismus und Menschenhandel. Sie ist unter anderem Mitglied im Forschungsbeirat des deutschen Bundeskriminalamtes (BKA). Derzeit arbeitet sie an einer Aktualisierung ihres Berichts "Geflüchtete Menschen in Deutschland" (2016).

Haverkamp ist zu Gast bei den Rechtsgesprächen beim Europäischen Forum Alpbach. Das Panel "Geflüchtete und MigrantInnen im Spannungsfeld zwischen Recht und Politik" findet am 27. August, 14.00 - 15.30 Uhr, im Erwin-Schrödinger-Saal in Alpbach statt.

Wie hätte der Rechtsstaat darauf reagieren sollen?

Der Fokus lag auf der Willkommenskultur. Befragungen zufolge war zu der Zeit eine Mehrheit der Deutschen für eine Aufnahme von Geflüchteten. In einer pluralen und demokratischen Gesellschaft wird es immer unterschiedliche Auffassungen geben. Nicht zu vergessen ist, dass auch der ablehnende Teil der Bevölkerung nicht homogen ist und folglich im ablehnenden Teil ein Meinungsspektrum besteht. Beim Rechtsstaat - also der Justiz - erkenne ich keine Versäumnisse.

Wie gut funktioniert derzeit die Integration von Geflüchteten?

Ich glaube, da kann man noch kein abschließendes Urteil fällen. Denn Integration ist ein langjähriger Prozess, der über Generationen andauert. Wir stehen erst am Anfang und müssen sehr viel Geduld haben. Ich finde, der Begriff der Integration ist in den Hintergrund geraten.

Warum?

Nach der Kölner Silvesternacht wendete sich allmählich der Kurs gegenüber Geflüchteten. Aufgrund populistischer Strömungen konnte sich eine Abschottungspolitik durchsetzen.

Wieviel Schuld tragen die Medien an der derzeitigen Situation?

Wenn man den Begriff Medien benutzt, muss man zwischen traditionellen und sozialen Medien unterscheiden. Man muss sich den Bedeutungszuwachs von sozialen Medien vergegenwärtigen. Denn sie sind komplett abgekoppelt von den traditionellen Medien wie Zeitungen, Fernsehen und Radio. Was wir in verschiedenen Ländern beobachten, ist, dass Menschen sich in ihrer Blase bewegen. Dieses Blasendenken befördert die sozialen Medien, da man sich nur noch mit bestimmten Inhalten auseinandersetzen muss. Wenn sie zum Beispiel einen Bericht im Radio hören, bekommen sie zwangsläufig Dinge mit, die sie nicht hören wollen. Dieser Information sind sie in den sozialen Medien nicht mehr ausgesetzt. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, wenn es um Polarisierung geht: Wenn Menschen sich in Blasen aufhalten, wird es schwierig, miteinander zu kommunizieren.

Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Kriminalität. Wie sieht das Kriminalitätsniveau aus?

Wenn Menschen nach dem Kriminalitätsniveau befragt werden, antworten sie meist zu jeder Zeit, dass die Kriminalität steigt. Sie überschätzen deren Niveau. Durch die Polarisierung in der Flüchtlingsthematik wird dieses Gefühl verstärkt. Wenn wir aber die polizeiliche Kriminalstatistik in Deutschland heranziehen, stellen wir fest, dass das Kriminalitätsniveau im Zeitvergleich tatsächlich gesunken ist.

Wie hat sich die Kriminalität im Kontext der gestiegenen Zuwanderung entwickelt?

2009/10 lag der Anteil der tatverdächtigen Nichtdeutschen an allen Tatverdächtigen etwas über 20 Prozent. Danach sind die Zahlen und damit die Anteile der nichtdeutschen Tatverdächtigen in die Höhe gegangen. Der Höhepunkt wurde 2016 mit einem Anteil von gut 40 Prozent erreicht. Hierin enthalten sind jedoch ausländerspezifische Straftaten. Wenn wir diese herausrechnen – das sind etwa illegale Einreise und illegaler Aufenthalt – dann stellen wir fest, dass der Anteil der tatverdächtigen Nichtdeutschen zurückgeht. 2016 lag er bei 31 Prozent. Schauen wir uns die Entwicklung der Straftaten ohne ausländerrechtliche Verstöße an, dann sind die registrierten Straftaten im 20-Jahres-Vergleich so niedrig wie nie zuvor. Das Interessante ist aber, dass wir hier nur das Hellfeld haben.

Was bedeutet das?

Die polizeiliche Kriminalstatistik bildet nicht die Realität ab. Dort kommen nur die Straftaten hinein, die durch Anzeigen oder Kontrolltätigkeit der Polizei registriert worden sind. Das Dunkelfeld variiert bei den Delikten. Wenn man Veränderungen über die Zeit feststellen will, also wie sich Hell- und Dunkelfeld verändert, dann bräuchte man eigentlich Dunkelfeldstudien. Die gibt es aber nur in begrenztem Maße in Deutschland.

Wie funktioniert Dunkelfeldforschung?

Bei Jugendlichen gibt es Befragungen zu selbst begangenen Delikten. Jugendliche deshalb, weil sie auskunftsfreudiger sind als die Erwachsenen. Befragt werden gerne die neunten Klassen, da gibt es viele Studien über die Jahre hinweg. Interessant dabei ist, dass man sowohl im Hell- als auch im Dunkelfeld festgestellt hat, dass die Kriminalität zurückgeht. Da gibt es einen konsistenten Befund. Wenn man noch zwischen Jugendlichen ohne und mit Migrationshintergrund unterscheidet, ist zu erkennen, dass auch bei Letzteren die Kriminalität zurückgeht. Die Delikte von Jugendlichen mit Migrationshintergrund unterscheiden sich durch ihre Ethnie. Es gibt Ethnien, die noch weniger auffallen als die Deutschen. Jugendliche mit einer höheren Gewaltbelastung waren die, die aus der Türkei oder Ex-Jugoslawien stammen. Bei ihnen ist das Gewaltniveau aber inzwischen gesunken.

Boulevardmedien zeichnen oft das Bild des kriminellen Asylwerbers. Wie sehen die Fakten aus?

Natürlich ist ganz klar: Wenn wir Zuwanderung haben, gibt es auch Menschen, die Delikte begehen. Es stellt sich die Frage, wie man damit umgeht. In Ungarn gilt, ein Flüchtling ist illegal und damit kriminell. Das liegt schon alleine daran, dass illegale Einreise ein Straftatbestand ist. Schon dadurch können Menschen Kriminalität erzeugen. Wenn wir allerdings Alltagskriminalität nehmen und uns anschauen, welche Delikte Flüchtlinge begehen, ist ein anderes Bild zu sehen. Wir haben herausgefunden, dass Bagatellkriminalität oder minderschwere Straftaten wie Ladendiebstahl oder Schwarzfahren überwiegen. Das sind klassische Delikte, die auch Einheimische begehen.

Männliche Jugendliche haben ein besonders hohes Risiko, kriminell zu werden. Woran liegt das?

Zwei Drittel der Geflüchteten sind junge Männer unter 30 Jahren. Junge Menschen begehen deutlich mehr Kriminalität. Jugendkriminalität ist normal, über alle Schichten verbreitet und episodenhaft – unabhängig von Nationalität oder Ethnie. Das bedeutet, dass es völlig normal ist, dass Jugendliche aus allen gesellschaftlichen Milieus vorübergehend eine oder mehrere leichte Straftaten, wie etwa Ladendiebstahl oder Schwarzfahren, begehen.

Warum reden Menschen dann davon, dass so viele Asylwerber Delikte begehen?

Da sind wir beim Thema der alternativen Fakten. Es gibt ja sogar Vergewaltigungsticker, die einen benachrichtigen, wenn wieder ein Flüchtling eine Deutsche vergewaltigt. Die Frage ist: Woher kommen diese Informationen? Das sind vielfach Gerüchte, die nicht valide sind, aber für bare Münze genommen werden. Das ist ein Problem, gegen das andere Menschen nicht argumentieren können. Fakten können Glauben nicht überwinden. Natürlich haben Fakten auch Verzerrungsfaktoren, etwa wenn wir nur einen gewissen Ausschnitt der Kriminalität erfassen. Aber das gehört nun einmal zum seriösen wissenschaftlichen Geschäft. Das Problem ist, dass die Welt differenziert ist.

Wie sieht es denn bei der Kriminalität gegen Geflüchtete aus?

2015/16 wurde insofern ein unrühmlicher Höhepunkt erreicht, als die Zahl der Delikte gegen Asylsuchende die der frühen 1990er-Jahre übertroffen hat. Es gibt unterschiedliche Zahlen, was die Übergriffe auf Asylsuchende betrifft. Die Polizei hat ein Meldesystem, wo sie bei Anzeigen entsprechend ankreuzen muss, dass es sich zum Beispiel um Hasskriminalität handelt. Das wird aber nicht einheitlich gehandhabt, weil es ein zusätzlicher Verwaltungsaufwand ist. Daher geht man von einer Untererfassung aus. Auf der anderen Seite gibt es die Zahlen von der Amadeu Antonio Stiftung, wo man von einer Übererfassung ausgeht. Klar ist: Es gibt eine Reihe von Taten, die nicht erkannt werden, obwohl sie sich bewusst gegen Asylwerber richten.

Welchen Nutzen hat die Gesellschaft durch die gestiegene Zuwanderung?

Wir müssen die demographische Entwicklung in Deutschland im Blick haben. Auf dem Gesundheitssektor gibt es den sogenannten "Pflegenotstand". Wie kann man sicherstellen, dass genügend Pflegepersonal da ist? Wenn wir jetzt relativ viele junge Geflüchtete hier haben, kann man dies als Chance sehen. Ausbildungsstellen können nicht besetzt werden, weil geeignete Leute fehlen. Man könnte das Potential, dass die Menschen mitbringen, fördern. Die Spielregeln müssen jedoch angenommen werden. Integration wurde vielfach als Einbahnstraße angesehen. Doch auch an die Aufnahmegesellschaft werden Anforderungen gestellt: Sie muss Bereitschaft zeigen und auf die Menschen zukommen. Die Polarisierung ist hier ein Problem.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-27 12:44:39
Letzte Änderung am 2018-08-23 11:59:13


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