• vom 03.08.2018, 18:17 Uhr

Europastaaten

Update: 03.08.2018, 21:03 Uhr

Interview

"Fünf Sterne ist rechts, Mitte und links"




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Von Thomas Seifert

  • Grillo-Weggefährte Marco Morosini über die Fünf-Sterne-Bewegung und die Koalition mit der Lega.

Marco Morosini beim Interview im Palmenhaus in Wien. - © Luca Faccio

Marco Morosini beim Interview im Palmenhaus in Wien. © Luca Faccio

"Wiener Zeitung": Sie sind langjähriger Weggefährte des Komikers und späteren Politikers und Gründers der Fünf-Sterne-Bewegung, Beppe Grillo. Wie würden Sie die Cinque-Stelle-Bewegung charakterisieren?

Marco Morosini: Ich möchte drei Punkte hervorheben. Erstens, Cinque Stelle ist etwas, das ich als Privat-Partei bezeichnen würde. Diese Partei wurde vom mittlerweile verstorbenen Internet-Unternehmer Gianroberto Casaleggio gemeinsam mit dem Komiker Beppe Grillo gegründet. Cinque Stelle wurde dann zum Kerngeschäft von Casaleggio. Silvio Berlusconi, dessen Kerngeschäft Fernsehen ist, hat die Politik als Vehikel verwendet, um seine Unternehmen abzusichern und gute Wachstumsbedingungen für seine Firmen zu schaffen. Gianroberto Casaleggio war aus meiner Sicht ein Idealist, er dachte wirklich, dass er mit der Fünf-Sterne-Bewegung etwas Gutes für Italien macht. Aber häufig werden Visionäre zu Autokraten und in dieser Form hat er die Partei bis zu seinem letzten Lebtag am 12. April 2016 geführt.

Zweitens?

Die Fünf-Sterne-Bewegung ist eine digitale Partei. Das hat mit dem Business von Gianroberto Casaleggio zu tun, der ja Internet-Unternehmer war. Den Aspekt der Digital-Partei sollte man nicht unterschätzen: Wie kann man eine Partei mit vielleicht drei, vier Mitarbeitern gründen, ohne dass man viel Geld in die Hand nimmt und es in ein paar Jahren bis in die Regierung schaffen? Daran sieht man die Macht des Internets in der Politik. Die ganze Struktur der Partei ist Internet-basiert.

Aber setzen heute nicht alle Parteien auf das Internet?

Ach, das ist für die meisten doch nur ein Propagandatool oder dient zur internen Kommunikation und Koordination. Bei den Cinque Stelle geht das tiefer. Wenn man früher einen Putsch machte, dann übernahm man die Geheimpolizei und Kasernen und ließ die Sender stürmen. Heute muss man die Server in die Finger kriegen. Denn wer die Server hat, hat die Macht in der Hand. Nicht zuletzt, weil die Familie Casaleggio die Herrschaft über alle Daten der Fünf-Sterne-Bewegung hat, kann Davide Casaleggio - der Sohn von Gianroberto, der nach seinem Tod die Partei übernommen hat - die Fünf Sterne dominieren. Er weiß alles über alle Parteimitglieder, über alle Abgeordneten, über ihr Abstimmungsverhalten, über ihre Mitwirkung in Parteiangelegenheiten. Das ist die totale Beherrschung.

Und drittens?

Die Polyvalenz, wenn es um politische Haltungen und Positionierungen geht. Das ist nicht nur Ambivalenz, sondern Polyvalenz. Fünf Sterne ist rechts, in der Mitte und links zugleich. Die sind liberal und etatistisch, und das radikal. Fünf Sterne sind alles und das Gegenteil vom allem, je nachdem, wann und wo sie in welchem Kontext auftreten. Heute sind sie schwarz, morgen weiß. Wenn sie mit Industriellen diskutieren, sind sie neoliberal. Wenn sie im benachteiligten Süden Italiens sprechen, geben sie sich sozial. Diese Polyvalenz ist zentral für den Erfolg der Partei. Wenn etwas ironisch gemeint ist, ist es gleichzeitig auch ernst gemeint. Die Fünf-Sterne-Bewegung kann man mit einem Auto mit einem ökosozialen Motor und einer rechtspopulistischen Karosserie und Lenkung vergleichen.




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Dokument erstellt am 2018-08-03 18:26:28
Letzte Änderung am 2018-08-03 21:03:22


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