• vom 08.08.2018, 18:20 Uhr

Europastaaten

Update: 10.08.2018, 18:15 Uhr

Impfgegner

Gesellschaft ohne Vertrauen




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Von Anja Stegmaier

  • In Italien wollen viele Eltern ihre Kinder nicht impfen. Wissenschafter und Ärzte ringen um Glaubwürdigkeit, die aber selbst von der Regierung untergraben wird.



Keine Pflichtimpfung will eine Demonstrantin in Rom 2017.

Keine Pflichtimpfung will eine Demonstrantin in Rom 2017.© getty Keine Pflichtimpfung will eine Demonstrantin in Rom 2017.© getty

Rom/Wien. Sie werden beschimpft und bedroht, vor allem in den sozialen Medien - Ärzte, die sich für die Impfung von Kindern aussprechen, haben es in Italien nicht leicht.

Nachdem die populistische Regierung in Rom aus Lega und Fünf-Sterne-Bewegung Anfang Juli die verpflichtende Impfung für Schulkinder auf 2019 verschieben will, muss nach dem Senat noch die Abgeordnetenkammer im September darüber abstimmen. Nun streiten sich Impfgegner und -befürworter wieder heftiger im Land. Mütter in TV-Shows raten von Impfungen ab, weil das Immunsystem stark genug sei, wenn die Kinder öfter im Dreck spielten. Ein Eisgeschäftbesitzer wiederum ließ per Aushang seine Kunden wissen, dass nicht geimpfte Personen nicht willkommen seien. Er erntete im Geschäft Lob, im Online-Netzwerk Facebook Hass. Aber auch Politiker und Wissenschafter liefern sich neue Gefechte in der Öffentlichkeit.

Masern, Mumps, Röteln erhitzen die italienischen Gemüter.

Masern, Mumps, Röteln erhitzen die italienischen Gemüter.© getty Masern, Mumps, Röteln erhitzen die italienischen Gemüter.© getty

Hintergrund: Das italienische Gesetz - das noch von der Demokratischen Partei im Juli 2017 auf den Weg gebracht wurde - sah bisher vor, dass Eltern dem Kindergarten beziehungsweise der Schule eine Bescheinigung der Gesundheitsbehörde vorlegen mussten, die bestätigt, dass ihr Kind gegen zehn Krankheiten wie Masern, Hirnhautentzündung, Tetanus, Kinderlähmung, Mumps, Keuchhusten und Feuchtblattern geimpft ist. Denn Italien ist Schlusslicht, was die Durchimpfungsrate, vor allem bei Kindern, betrifft.

Bei der aufgeweichten Version des Gesetzes müssen Eltern künftig lediglich eine Selbstauskunft über erfolgte Impfungen vorlegen.

Die Verpflichtung führte 2017 zu beachtlichem Widerstand in der Bevölkerung - die Fünf-Sterne-Bewegung wie die Lega wetterten gegen den Erlass und nutzten den Protest für ihren Wahlkampf. Mitunter demonstrierten 10.000 Italiener auf den Straßen, vor allem in Norditalien.

Fünf-Sterne-Gründer Beppe Grillo machte als Impfgegner mobil. So sagte er etwa, Impfungen seien so gefährlich wie die Krankheiten, vor denen sie schützen sollen. Die Bewegung verbreitete auf ihrem Online-Portal falsche Informationen, etwa, dass Impfungen zu Autismus führten.

Versuchte Grillo-Nachfolger Luigi Di Maio kurz vor den Wahlen im März noch die Wogen zu glätten, indem er beteuerte, die Fünf Sterne seien nicht gegen Impfungen, sondern für eine Wahlfreiheit der Eltern, bleibt die Lega bei ihrem Anti-Impf-Kurs. So hat Innenminister Matteo Salvini erneut heuer im Juni wiederholt gegen die Pflichtimpfungen getönt. Impfungen seien "sinnlos", ja gar "gefährlich". Er und die Gesundheitsministerin Giulia Grillo (Fünf Sterne) initiierten die Aufweichung des Gesetzes.

Veritable Vertrauenskrise




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-08 18:29:30
Letzte Änderung am 2018-08-10 18:15:32


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