• vom 10.08.2018, 09:00 Uhr

Europastaaten

Update: 10.08.2018, 09:07 Uhr

Russland

Keine Gnade mit Putin-Gegner




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner

  • Regisseur Oleg Senzow befindet sich im Hungerstreik. Seinen Unterstützern wird derweil der Prozess gemacht.

Das Victory-Zeichen ist die typische Geste von Oleg Senzow im Gefängnis. Demonstranten in Kiew fordern die Freilassung des ukrainischen Regisseurs.

Das Victory-Zeichen ist die typische Geste von Oleg Senzow im Gefängnis. Demonstranten in Kiew fordern die Freilassung des ukrainischen Regisseurs.© afp/Supinsky Das Victory-Zeichen ist die typische Geste von Oleg Senzow im Gefängnis. Demonstranten in Kiew fordern die Freilassung des ukrainischen Regisseurs.© afp/Supinsky

Moskau. Manchmal sagen Gesten mehr als tausend Worte. Als der Prozess an diesem heißen Nachmittag zu Ende ist, stellt sich Alisa Safina vor dem Gerichtsgebäude auf, die Finger zu einem Victory-Zeichen gespreizt, und lässt sich von ihren Freunden fotografieren. Es ist ein Zeichen, mit dem auch der ukrainische Regisseur Oleg Senzow vor Gericht immer wieder für die Kameras posierte. Der großgewachsene, schlaksige Mann, erschöpft und ausgemergelt, der durch die Gitterstäbe hindurch noch die Finger zum Siegeszeichen geformt.

Die 21-jährige Alisa Safina mit dem braunen Lockenkopf kennt den inhaftierten Regisseur nicht persönlich. Doch seit Senzow wenige Wochen vor der Fußball-WM in einer Strafkolonie nördlich des Polarkreises in den Hungerstreik getreten ist, setzt sie sich unermüdlich für seine Freilassung ein. Sie hat bei Vernissagen über seinen Fall gesprochen, Flugblätter auf den Straßen Moskaus verteilt und sich ein T-Shirt mit seinem Foto bedrucken lassen. "Freiheit für Senzow", steht darauf, und Senzow macht das für ihn so typische Fingerzeichen. Seit Senzow hungert, hat Safina jeden Tag ihren Facebook-Status aktualisiert, wie andere Senzow-Untersützter auch: Weiße Schrift auf schwarzem Grund, je nachdem, wie viele Tage der ukrainische Regisseur schon im Hungerstreik war. Zehn Tage. 20. 50, 60 Tage.


Keine Begnadigung vor Fußball-WM, anders als 2014
Senzow, in einem umstrittenen Verfahren wegen Terrorismus zu 20 Jahren Haft verurteilt, wollte die Aufmerksamkeit während der Fußball-WM nutzen, um auf das Schicksal der politischen Gefangenen in Russland aufmerksam zu machen. Doch während die Fernsehteams abgezogen sind, der goldene Pokal vergeben ist und die Schlachtgesänge aus den Stadtzentren verschwunden sind, ist keiner der Gefangenen freigelassen worden. Anders, als etwa vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014, als Regimegegner wie der Oligarch Michail Chodorkowskij und die Pussy Riot-Aktivistinnen begnadigt und aus der Haft entlassen wurden. Zuletzt hatte sich auch Senzows Mutter mit einem Gnadengesuch an den russischen Präsidenten Wladimir Putin gewandt. Doch Senzow müsse selbst um Gnade bitten, hatte zuvor Putin-Sprecher Dmitrij Peskow gesagt. Dazu kam es nicht. Bald werden es drei Monate sein, dass Senzow hungert.

Stattdessen stehen heute Senzows Unterstützer, wie Alisa Safina, vor Gericht. Es ist ein schwüler Sommertag im August, auch im Bezirksgericht Twerskij, in einer ruhigen Gasse im Moskauer Stadtzentrum. Ihnen wird Artikel 20.2.5. zur Last gelegt, "Störung der öffentlichen Ordnung durch die Organisation oder Durchführung eines Protests". Dabei hätten Safina und ihre Kollegen damals nur einige Flugblätter auf Russisch, Spanisch und Englisch im Moskauer Stadtzentrum verteilt, so Safina. Das war Ende Juni, als in Moskau noch feiernde Fußballfans aus aller Welt durch die Innenstadt zogen. Doch während die lärmenden Fans unbehelligt blieben, wurden Safina und zwei Kollegen von der Polizei festgenommen. Sie wurden zu einer Strafzahlung von 20.000 Rubel (rund 270 Euro) verurteilt.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




4 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-09 17:26:29
Letzte Änderung am 2018-08-10 09:07:57


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. EU beschließt schärfere CO2-Grenzen für Neuwagen
  2. Zweites Brexit-Referendum als letzter Strohhalm
  3. Brexit-Blues allerorts
  4. EU-Afrika-Forum: Zivilgesellschaft protestiert gegen "Ausbeutung"
  5. Auftakt zum EU-Milliarden-Poker
Meistkommentiert
  1. Kramp-Karrenbauer ist neue Vorsitzende
  2. Mehr als 1700 Festnahmen bei "Gelbwesten"-Protesten
  3. Jean Asselborn: "Wir verlieren unsere Seele"
  4. Belgiens Regierung zerbricht am Migrationspakt
  5. Verheerende Reaktionen in Großbritannien

Werbung




Werbung