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Update: 12.08.2018, 14:06 Uhr

Prager Frühling

"Nach dem Einmarsch kamen die besten Monate"




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Von Michael Schmölzer

  • Der Künstler Abbé Jaroslav Libansky hat die Niederschlagung des "Prager Frühlings" vor 50 Jahren miterlebt.

Abbé Jaroslav Libansky in seiner Wohnung in Währing.

Abbé Jaroslav Libansky in seiner Wohnung in Währing.© Schmölzer Abbé Jaroslav Libansky in seiner Wohnung in Währing.© Schmölzer

Wien. In der Nacht vom 20. zum 21. August 1968 marschierten Truppen des Warschauer Paktes in der CSSR ein und stoppten den Prager Frühling - ein politisches Experiment, das Kommunismus mit Demokratie, freier Meinungsäußerung und vollen Bürgerrechten kombinieren wollte.

Der seit Jahrzehnten in Wien lebende Künstler Abbé Jaroslav Libansky hat die dramatischen Stunden als Jugendlicher miterlebt. Nach dem Ende der liberalen Phase unter Alexander Dubcek wollte er sich dem neuen, repressiven System nicht beugen. Er wählte den Weg der Nicht-Anpassung, bis er von den KP-Hardlinern 1982 mehr oder weniger gewaltsam aus seiner Heimat verbannt wurde.


Die Niederschlagung des Prager Frühlings vor 50 Jahren hat Libansky "sehr aktiv erlebt", wie er sich im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erinnert. "Ich war damals 16 Jahre alt, ein Einzelkind in Prag, aufgewachsen in einer bürgerlichen Familie, es war nicht viel los. Und auf einmal wachst du in der Nacht auf, schaust auf die Hauptstraße, die Leninova - heute Evropska -, die vom Flughafen ins Prager Zentrum führt: Und da fahren Lkw und Panzer. Eine endlose Reihe, die ganze Nacht durch. Alle 15 Minuten ist ein Flugzeug gelandet."

Für die tschechische KP . . .

Für die tschechische KP . . .© Libansky Für die tschechische KP . . .© Libansky

Libansky wohnte an einem strategisch wichtigen Ort, "ein runder Platz, wo sich der tschechoslowakische Generalstab und das Verteidigungsministerium befanden. Da sind in der Früh des 21. August Panzer im Kreis auf dem Platz gestanden, die Geschützrohre auf die Wohnhäuser gerichtet. Was kann dir mit 16 Besseres passieren", lacht Libansky, "das war total spannend."

Für ältere Tschechen waren die Ereignisse aber vor allem beängstigend. Diese Generation hatte die Säuberungen der Stalin-Ära miterlebt, die Angst vor den Sowjets war groß. "Mein Stiefvater ist erst 1960, nach fast zehn Jahren im Gefängnis, nach Hause gekommen", erzählt Libansky. "Er war aus politischen Gründen eingesperrt, zuerst ist er zum Tod verurteilt worden. Dann kam es zu dieser großen Amnestie durch Präsident Antonin Nowotny."

. . . Staatsfeind Nummer eins: die "Plastic People".

. . . Staatsfeind Nummer eins: die "Plastic People".© Libansky . . . Staatsfeind Nummer eins: die "Plastic People".© Libansky

Es waren die nun Freigekommenen, die wussten, wie gefährlich die Sowjets waren. Gleichzeitig hatten sie eine maßgebliche Rolle in der Reformbewegung gespielt. Die Prager Jugend ging in den Augusttagen 1968 höchst unbekümmert an die Sache heran. "Der Widerstand von uns 16-Jährigen hat so ausgesehen, dass wir die Soldaten ein bisschen provoziert haben. Wir hatten ja Russisch in der Schule. Und die Soldaten durften nicht mit den Leuten reden. In der Nacht haben wir Plakate aufgeklebt, um 4 Uhr in der Früh waren wir am Bahnhof, um Flugblätter zu holen. Die offiziellen Medien waren alle sehr schnell beschlagnahmt und gesperrt. Man hat die illegalen Zeitungen und Magazine irgendwo im Norden gedruckt."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-10 13:14:37
Letzte Änderung am 2018-08-12 14:06:11


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