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Update: 18.08.2018, 10:03 Uhr

Jesiden

"Niemand hört uns"




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Von WZ Online, APA, dpa, Benno Schwinghammer und Fabian Albrecht

  • Eine Jesidin wurde an den IS verkauft. Es gelang ihr die Flucht nach Deutschland. Dort trifft sie ihren Peiniger wieder.

Die Jesidin Aschwak sagt, was sie erlebt habe, sei kein Einzelfall. - © APAweb, afp

Die Jesidin Aschwak sagt, was sie erlebt habe, sei kein Einzelfall. © APAweb, afp

Erbil/Karlsruhe. Die Jesidin Aschwak Hadschi Hamid Talo hätte niemals gedacht, dass sie einmal aus Deutschland zurück in den Irak fliehen müsste. Die 19-Jährige fühlte sich sicher als Flüchtling in Schwäbisch Gmünd in Baden-Württemberg. Dann habe sie ausgerechnet dort aber den IS-Kämpfer getroffen, der sie einst auf einem Sklavenmarkt in Mossul für 100 Dollar gekauft hatte, erzählt sie der Deutschen Presse-Agentur.

Ihre Darstellung klingt kaum fassbar. Aschwak sagt, was sie erlebt habe, sei kein Einzelfall.

Es war der 3. August 2014, erzählt die junge Frau, als die Jihadisten des Islamischen Staates in ihr Dorf im Nordirak einfielen. Die Männer der Jesiden, einer ethnisch-religiösen Minderheit, wurden in den Folgetagen zu Tausenden getötet. Die Extremisten nahmen Aschwak - damals 15 Jahre alt - sowie ihre Schwestern und Cousinen mit und boten sie in Mossul zum Verkauf an. Ein IS-Kämpfer, der sich Abu Humam nannte, kaufte sie schließlich.

Jeden Tag geschlagen

"Für ihn war ich seine Frau. Er hat mich geschlagen, jeden Tag. Ich musste putzen und aufräumen", erzählt Aschwak in einfachem, aber flüssigem Deutsch am Telefon. Monatelang habe sie der Mann missbraucht, der sie nun als sein Eigentum betrachtete. Eines Abends seien Männer zu Gast gewesen. Sie und sechs weitere Frauen hätten die IS-Kämpfer bewirten müssen. Sie hätten Schlafmittel in deren Essen gemischt. Aschwak floh ins Sinjar-Gebirge, wo viele Jesiden Zuflucht gesucht hatten.

2015 kam die erlösende Nachricht aus Deutschland: Die junge Frau durfte als Flüchtling nach Baden-Württemberg und lebte fortan mit ihrer Mutter und ihren Brüdern in Schwäbisch Gmünd. Dort ging Aschwak zur Schule und wurde medizinisch betreut. "Zuerst war alles gut", erzählt sie. Aber es blieb nicht so.

Es passierte ausgerechnet in ihrer neuen Heimat, in der Goethestraße in Schwäbisch Gmünd, dass sie sich plötzlich von einem Mann verfolgt fühlte. "Er war hinter mir, ist hinter mir gegangen, hat aber nichts gesagt. Und ich habe auch nichts gesagt." Die Jesidin hatte einen Verdacht, lief nach Hause zu ihrer Mutter, die sie beruhigen wollte: "Mach Dir keine Sorgen, es gibt in Deutschland keine solchen Menschen."

Behörden konnten nicht helfen

Doch Aschwak sah den Mann wieder, als sie im Februar diesen Jahres zum Einkaufen ging. Ein weißes Auto habe vor ihr gehalten, beschreibt sie. "Er hat vor mir gestanden und gesagt: "Du bist Aschwak!"". Sie habe erwidert, sie kenne niemanden, der so heiße. Daraufhin habe er seine Brille von der Nase genommen, sie gemustert und nur gesagt: "Du musst nicht lügen". Er wisse alles über sie und ihr Leben in Deutschland. Aschwak lief weg.

Die Behörden wurden eingeschaltet, doch die Polizisten hätten ihr gesagt, sie "können überhaupt nichts machen" - Aschwak fühlte sich in Schwäbisch Gmünd ausgeliefert. Ein Stadtsprecher bedauert das: "Wir haben alles in unserer Macht Stehende versucht, der jungen Frau zu helfen". Die Betreuer hätten ihr eine neue, anonymisierte Wohnung angeboten, was sie aber nicht in Anspruch genommen habe.

Seit Juni ermittelt die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe in dem Fall, über den zunächst "Welt" und "Bild" unter Berufung auf eine irakische Nachrichtenseite und ein Internetvideo berichtet hatten. Sprecherin Frauke Köhler sagt: "Wir haben uns selbstverständlich mit dem Fall befasst und nehmen solche Schilderungen sehr ernst." Die Polizei habe mit Aschwak ein Phantombild angefertigt und versucht, den Mann aufzuspüren.

"Leider konnte die Zeugin nicht sehr präzise Angaben machen", sagt Köhler. Auch der Name habe sich keiner realen Person zuordnen lassen. Recherchen des SWR, nach denen weitere Jesiden in Baden-Württemberg Abu Humam erkannt haben, stützen Aschwaks Äußerungen allerdings.

Geschichten nicht ernst genommen

Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg teilte unterdessen via Tweet mit, die Ermittlungen könnten im Moment nicht fortgeführt werden, "da die Zeugin für Rückfragen aktuell nicht erreichbar ist." Darauf angesprochen wundert die 19-Jährige sich. Sie sei sehr wohl erreichbar, bisher habe sie nur noch niemand angerufen.

Weitere derartige Fälle wie der von Aschwak waren Bundesanwaltschafts-Sprecherin Köhler auf Anhieb nicht bekannt. Doch die Jesidin sagt, dass ihr Freundinnen von ähnlichen Begegnungen erzählt hätten. Diese Geschichten würden aber meistens nicht ernst genommen: "Niemand hört uns, niemand glaubt uns."

Den Deutschen sei sie unglaublich dankbar für alles, aber sie werde von nun an in den Kurdengebieten im Nordirak weiterleben, um Abu Humam nicht mehr begegnen zu müssen, sagt sie. "Ich will nicht mehr nach Deutschland gehen, ich habe zu viel Angst."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-18 10:00:42
Letzte Änderung am 2018-08-18 10:03:27


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