• vom 06.09.2018, 09:00 Uhr

Europastaaten

Update: 06.09.2018, 09:07 Uhr

Schweden

Gefälschter Abgesang auf ein Land




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Von Alexander Dworzak

  • Automatisierte Programme machen Stimmung für die rechtspopulistischen Schwedendemokraten.

Angriffe auf Fußballer Jimmy Durmaz gaben einen Vorgeschmack auf Social-Media-Kampagnen vor der Wahl am Sonntag.

Angriffe auf Fußballer Jimmy Durmaz gaben einen Vorgeschmack auf Social-Media-Kampagnen vor der Wahl am Sonntag.© afp/Cacace Angriffe auf Fußballer Jimmy Durmaz gaben einen Vorgeschmack auf Social-Media-Kampagnen vor der Wahl am Sonntag.© afp/Cacace

Stockholm/Wien. Ein Fußballspiel gab den Vorgeschmack auf den Wahlkampf. Der direkt verwandelte Freistoß nach Jimmy Durmaz’ Foul im WM-Match ermöglichte Deutschland in letzter Minute das 2:1 über Schweden. Der Abpfiff war Ankick für Hetze in den sozialen Medien: Durmaz - er wurde in Schweden geboren, seine Eltern sind Assyrer, also Christen - wurde als "Selbstmordattentäter" verunglimpft, er erhielt Todesdrohungen.

"Zu schnell und zu organisiert" entlud sich der Hass, meint Per Ödling im Radiosender SR. Der Professor für Telekommunikation an der Universität Lund analysierte 39.000 Kommentare auf Instagram sowie weitere 1000, die unmittelbar nach dem Spiel veröffentlicht wurden, aber schnell wieder verschwanden. Ödling vermutet Bots dahinter, automatisierte Programme, die wiederkehrend Inhalte veröffentlichen.


40 Prozent mehr Bots
Vor der Parlamentswahl am Sonntag prasseln wieder Bot-Kommentare auf die Wähler ein. Zwischen zehn und 16 Prozent aller Twitter-Nachrichten zum Wahlkampf stammen nicht von regulären Nutzern. Zu diesem Schluss kommt Ralph Schroeder in einer Studie für das schwedische Forschungsinstitut für Verteidigung nach der Analyse von 600.000 Tweets. Im Juli und August sei die Zahl der Bots um 40 Prozent in die Höhe geschossen.


© R. Waxmann © R. Waxmann

Welche Personen oder Organisationen die Attacken auf Durmaz initiierten, ist bisher unklar. Zu den Wahlkampfaktivitäten sagt der schwedische Geheimdienst Säpo: "Es ist ein Puzzle, festzustellen, wer hinter jeder einzelnen Aktivität steckt. Das Puzzle wird erst nach einiger Zeit, nach der Wahl, fertiggestellt sein."

Eindeutig ist das Ziel der Attacken: ein Bild zu zeichnen von einem Schweden kurz vor dem Bürgerkrieg, vor der Kapitulation in - tatsächlich existierenden - Problemvierteln, vor der Islamisierung der Gesellschaft. Mehrfach geriet Schweden international in die Schlagzeilen; etwa durch die Falschmeldung, aus Rücksicht auf Muslime solle Weihnachtsbeleuchtung verboten werden.

Diese Sicht auf das Land kommt den rechtspopulistischen Schwedendemokraten zugute. Sie stellten sich stets gegen die Entscheidung, Flüchtlinge und andere Asylwerber ins Land zu lassen. 2015 waren es rund 163.000 Personen, so viele wie in keinem anderen EU-Land, gemessen an der Einwohnerzahl. Die sozialdemokratisch geführte Regierung schlug bald einen restriktiven Kurs ein, im Folgejahr sank die Zahl der Asylwerber auf 29.000. Diese Linie wird bis heute verfolgt, und die Sozialleistungen für Personen mit befristeter Aufenthaltsbewilligung wurden gekürzt. Dennoch müssen die Sozialdemokraten am Sonntag mit herben Verlusten rechnen, während die Schwedendemokraten wohl zur zweitstärksten Partei aufsteigen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-05 18:33:02
Letzte Änderung am 2018-09-06 09:07:09


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