• vom 08.09.2018, 19:00 Uhr

Europastaaten

Update: 09.09.2018, 21:02 Uhr

Schweden

Sehnsucht nach dem "Volksheim"




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexander Dworzak

  • Bei der Parlamentswahl steht ein deutlicher Rechtsruck bevor: Die Schwedendemokraten könnten rund 20 Prozent der Stimmen holen.



"Das moderne Volksheim" propagiert Jimmie Akesson, Chef der Schwedendemokraten, in einem Wahlkampfbüchlein.

"Das moderne Volksheim" propagiert Jimmie Akesson, Chef der Schwedendemokraten, in einem Wahlkampfbüchlein.© SD "Das moderne Volksheim" propagiert Jimmie Akesson, Chef der Schwedendemokraten, in einem Wahlkampfbüchlein.© SD

Stockholm/Wien. Jedes Kind in Favoriten kennt Per Albin Hansson. Zumeist aufgrund der Siedlung im 10. Wiener Bezirk, die seinen Namen trägt. Mit der Benennung bedankte sich die Stadtverwaltung für die Hilfsleistungen Schwedens an Wiens Bürger nach dem Zweiten Weltkrieg, die Hansson angestoßen hatte.

Nahezu unbekannt ist hierzulande hingegen, welch prägende politische Figur Hansson in seiner Heimat war. Das zeigt bereits seine Amtszeit, mit nur dreimonatiger Unterbrechung amtierte der Sozialdemokrat von 1932 bis zu seinem Tod 1946 als Ministerpräsident. Hansson ist Symbol für den schwedischen Wohlfahrtsstaat. Den Grundstein legte er mit einer Rede 1928, in der er das "Volksheim" (folkhemmet) propagierte: Gleichheit, Rücksicht, Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft galten ihm als Hauptregeln eines guten Heimes. Übertragen auf das Heim der Nation sollten die sozialen Barrieren verschwinden.

Per Albin Hansson wollte einst auch soziale Barrieren einreißen.

Per Albin Hansson wollte einst auch soziale Barrieren einreißen.© Encyclopedia "Sveriges styresmän 1937" Per Albin Hansson wollte einst auch soziale Barrieren einreißen.© Encyclopedia "Sveriges styresmän 1937"

Die Erzählung vom Volksheim war ursprünglich bäuerlich-konservativ geprägt, sie kam Anfang des 20. Jahrhunderts auf. Hansson gab ihr einen sozialdemokratischen Anstrich. Heute nehmen die rechtspopulistischen Schwedendemokraten (SD) den Begriff für sich in Anspruch. "Das moderne Volksheim" heißt ein Wahlkampfbüchlein ihres Spitzenkandidaten Jimmie Akesson anlässlich der Parlamentswahl am Sonntag. Bei rund 20 Prozent sehen Demoskopen die von dem 38-Jährigen geführte SD, manche meinen, die Partei könnte gar den Sozialdemokraten gefährlich nahe kommen. Der Linken laufen die Wähler davon, und die SD schickt sich an, auch die sozialdemokratische Identität zu kapern.

Stefan Löfvens Sozialdemokraten finden keine Antwort auf die Schwedendemokraten.

Stefan Löfvens Sozialdemokraten finden keine Antwort auf die Schwedendemokraten.© afp Stefan Löfvens Sozialdemokraten finden keine Antwort auf die Schwedendemokraten.© afp

Restriktive Asylpolitik bleibt

Entscheidend dazu hat die Flüchtlings- und Asylpolitik beigetragen. "Bis 2015 war die Bevölkerung für eine liberale Migrationspolitik offen", sagt Tobias Etzold, Nordeuropa-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zur "Wiener Zeitung". Doch 2015 kamen 163.000 Personen ins Land, gemessen an der Einwohnerzahl so viele wie in keinem anderen EU-Staat. Schweden stieß an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit, die rot-grüne Minderheitsregierung unter Stefan Löfven verabschiedete sich vom liberalen Kurs - den zuvor auch konservative Regierungen vertreten hatten.

"Die Sozialdemokraten und vor allem die Grünen wollten den Kurswechsel nicht, aber der Druck der Schwedendemokraten und der Öffentlichkeit war zu groß", erklärt Etzold. Anerkannte Flüchtlinge erhalten seit 2016 statt unbefristeter nur noch eine dreijährige Aufenthaltsbewilligung. Die Regeln für den Familiennachzug wurden verschärft sowie Geldleistungen und Unterbringen bei abgelehnten Asylwerbern gestrichen, sofern diese keine minderjährigen Kinder haben. Die Asylanträge fielen rapide, auch aufgrund des EU-Türkei-Flüchtlingsdeals und der Schließung der Balkanroute; von Jänner bis August 2018 waren es 14.000.




weiterlesen auf Seite 2 von 2




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-07 18:18:06
Letzte Änderung am 2018-09-09 21:02:05


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Schock im Hambacher Forst
  2. Uneinigkeit in den großen Fragen
  3. Für Kurz ist Flüchtlingsverteilung keine Lösung
  4. Koalition in Erklärungsnot
  5. Salzburger Kompromisssuche
Meistkommentiert
  1. "Salvini hat mich in eine Falle gelockt"
  2. Salvini im Porzellanladen
  3. "Eine tickende Zeitbombe in Mitteleuropa"
  4. "Europäer werden dicker, dümmer und grantiger"
  5. Orban nimmt zu Vorwürfen Stellung

Werbung




Werbung