• vom 11.09.2018, 20:00 Uhr

Europastaaten

Update: 12.09.2018, 12:24 Uhr

Russland

Eine Frage des Vertrauens




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  • Russland hält in Sibirien das größte Manöver seit Ende des Kalten Krieges ab. Auch China nimmt teil.

Russische Panzer bei der "Wostok"-Übung in der Nähe der Stadt Tschita hinter dem Baikalsee. - © AP

Russische Panzer bei der "Wostok"-Übung in der Nähe der Stadt Tschita hinter dem Baikalsee. © AP

Moskau/Peking/Wladiwostok. (leg) Seit Dienstag rollen im Osten Sibiriens die Panzer, donnern die Kampfflugzeuge durch die Luft, gehen die Kriegsschiffe auf Gefechtsposition. Es ist Spätsommer, und im September führt Russland jedes Jahr seine großen Manöver durch. Etwa im Vorjahr die Übung "Sapad 2017" (Westen 2017). Das groß angelegte Militärmanöver, bei dem russische und weißrussische Truppen für den Kampf gegen Nato-Truppen übten, hatte bei der Nato, in Polen und im Baltikum für erhebliche Unruhe gesorgt. Man vermutete, dass Moskau mehr Soldaten eingesetzt hatte als offiziell angegeben.

Auch "Wostok (Osten) 2018" ist alles andere als eine kleine, bescheidene Übung. Es handelt sich vielmehr um das größte russische Militärmanöver seit Ende des Kalten Krieges - und nicht nur das: Russland betonte, dass das "Wostok"-Manöver sogar "Sapad 1981" in den Schatten stellt. Diese Militärübung in den 1980er Jahren unter Einbeziehung der Staaten des Ostblocks war mit 150.000 Soldaten das größte Manöver, das die Sowjetunion durchführte. An "Wostok 2018" sollen laut russischen Angaben nun etwa 300.000 Soldaten teilnehmen - rund doppelt so viele. 36.000 Panzer, mehr als 1000 Flugzeuge, Hubschrauber und Drohnen sowie 80 Schiffe sollen dabei rund eine Woche lang zum Einsatz kommen.


Das Bemerkenswerte an der Militärübung ist aber nicht ihr Umfang, an dem es auch Zweifel gibt - so hält etwa der Verteidigungsexperte Alexander Golts die russischen Angaben für überzogen und vermutet, dass einem Manöver in solcher Größe schon die Transportprobleme innerhalb des Riesenreiches entgegenstehen -, sondern dass (gemeinsam mit mongolischen) auch chinesische Truppen daran teilnehmen. Es ist das erste Mal, dass China an einem derartigen russischen Großmanöver teilnimmt - wenn auch nur mit einer vergleichsweise bescheidenen Truppe von 3200 Soldaten, 900 Panzern und Geschützen und 30 Flugzeugen und Helikoptern.

Amikale Atmosphäre
Bisher hatte China, traditionell eigentlich kein Freund Russlands, nur an kleineren Übungen wie Anti-Terror-Trainings teilgenommen. Der Umstand, dass Moskau Peking nun vollen Zugang zu einem Manöver gewährt, dass seiner Sicherheit an der verwundbaren östlichen Flanke dienen soll, offenbart ein erstaunliches Ausmaß an Vertrauen zwischen den beiden Partnern. Russland betrachtet seinen immer mächtiger werdenden Nachbarn offenbar nicht mehr als potenziellen Feind. Einen Krieg gegen China werden die russischen Truppen in Sibirien unter chinesischer Beteiligung mit Sicherheit nicht erprobt haben - und das, obwohl es in Russland erhebliche Befürchtungen gibt, das dünn besiedelte Sibirien, das sich immer mehr entvölkert, langfristig an China zu verlieren.

Trotz solcher Ängste, die viele Russen quälen, passt derzeit, so scheint es zumindest, zwischen Moskau und Peking politisch kein Blatt Papier. So trafen sich parallel zum Beginn des Manövers am Dienstag auch die beiden Staatschefs Wladimir Putin und Xi Jinping in amikaler Atmosphäre bei einem Wirtschaftsforum in Wladiwostok (siehe unten). Sie sandten damit ein Signal aus - vor allem an die USA.

Denn Russland und China, die beiden Rivalen auf dem Eurasischen Kontinent, eint neuerdings der gemeinsame Gegner. Spätestens seit der Westen 2014 Russland wegen seines Vorgehens auf der Krim und in der Ostukraine mit Sanktionen belegt hat, hat sich Putin, der lange Zeit eine Schaukelpolitik zwischen West und Ost verfolgte, mehr und mehr Peking zugewandt. Und auch bei der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China herrscht im Handelskrieg mit US-Präsident Donald Trump Verbitterung vor. Da sucht man den Schulterschluss mit dem Nachbarland.

Vor allem für Russland birgt die Allianz mit China allerdings Risiken. Der Rohstoffgigant, der arm an Menschen ist, droht neben Pekings Bevölkerungs- und Wirtschaftsmacht zur klaren Nummer zwei in dem Gespann zu werden. Eine Annäherung an China fördert außerdem die Entfremdung mit Japan. So haben Putin und der japanische Premier Shinzo Abe am Montag in Gesprächen keine Lösung in der immer noch offenen Frage eines Friedensvertrags finden können. Dennoch eint Moskau und Peking der Wille, die westlich geprägte Weltordnung herauszufordern und eine neue, "multipolare Weltordnung" zu ermöglichen - etwas, was US-Geopolitiker fürchten.




Schlagwörter

Russland, China, Manöver

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-11 17:57:06
Letzte Änderung am 2018-09-12 12:24:56


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