Bochum/Ankara/Wien. Der deutsche Politikwissenschafter Ismail Küpeli geht von einer baldigen Freilassung des in Ankara unter Terrorverdacht verhafteten Österreichers aus. Er könnte in Wochen oder Monaten freikommen, sagte Küpeli am Mittwoch der APA. Seine Festnahme könnte ein Versuch sein, Druck auf Österreich auszuüben. Möglicherweise sei er aber auch in eine Razzia gegen Studenten "hineingeraten".

Der Österreicher studiert Politikwissenschaft an der "Middle East Technical University" (ODTÜ), die der türkischen Regierung schon seit längerem ein Dorn im Auge ist. Erst im Juli waren vier Studenten festgenommen worden, weil sie bei der Abschlusszeremonie ein Erdogan-kritisches Plakat gezeigt hatten. "Es ist an der Universität immer wieder zu Festnahmen von linken Studenten gekommen", erläuterte Küpeli, der den Österreicher seit drei Jahren kennt und mit ihm auch bei einem Buchprojekt zusammengearbeitet hat. Bisher seien aber nur türkische Studenten festgenommen worden, keine Ausländer.

Möglicherweise gezielte Festnahme als Druckmittel

Die Festnahme könnte somit "Teil sein einer größeren Kampagne gegen die Universität von (dem Österreicher), in die er hineingeraten ist", sagte Küpeli. Es sei aber auch möglich, "dass er gezielt festgenommen wurde, um Druck auf Österreich auszuüben". Dies sei nämlich bei den festgenommenen deutschen Journalisten Deniz Yücel oder Mesale Tolu auch der Fall gewesen. Ob Ankara den Österreicher tatsächlich als "Tauschpfand" im bilateralen Konflikt einsetzen will, werde sich schon in den nächsten Tagen herausstellen, sagte der deutsche Politikwissenschafter.

Als absurd bezeichnete Küpeli den Vorwurf, der Österreicher habe Kontakte zu verbotenen kommunistischen Gruppen gehabt. Es sei auch nicht richtig, dass er über die kurdische Terrororganisation PKK geschrieben habe. Vielmehr sei aber "im Umfeld" der pro-kurdischen Parlamentspartei HDP aktiv gewesen, die aber nicht verboten sei. "Seine Aktivitäten waren relativ offensichtlich", verwies der Experte auf die Publikationstätigkeit des jungen Politikwissenschafters für linke Magazine wie re:volt und Jacobin. "Das Risiko (einer Festnahme) bestand durchaus", räumte Küpeli ein. Allerdings habe der Österreicher in jüngster Zeit keinen spezifischen Anlass dafür geliefert.

Küpeli rechnet aber mit einem glimpflichen Ende der Geschichte. "Die Chancen stehen weitaus besser, dass er auf dem einen oder anderen Weg freikommt, gerade weil er österreichischer Staatsbürger ist. Ich gehe nicht davon aus, dass er jahrelang in türkischen Gefängnissen verbringen wird."

Der deutsche Politikwissenschafter geht auch davon aus, dass sich die österreichische Regierung für den Festgenommenen einsetzen wird. Dabei dürfe "keine Rolle spielen, dass (er) ein Linker ist", sagte Küpeli. "Ich kann mir vorstellen, dass so jemand in Österreich eher stören würde. Wenn (er) in Österreich wäre, würde er die österreichische Regierung auch scharf kritisieren."

Noch keine Äußerung von hoher österreichischer Stelle

Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) haben sich bisher nicht öffentlich zu dem am Dienstagnachmittag bekannt gewordenen Fall geäußert. Regierungssprecher Peter Launsky-Tieffenthal hatte am Dienstag mitgeteilt, dass der Österreicher "konsularisch betreut" werde und forderte die türkische Regierung auf, "die Gründe zur Festnahme vorzulegen oder den Journalisten sofort freizulassen". Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ) schrieb am Mittwochvormittag auf Twitter, man werde dem Österreicher "jede notwendige konsularische Unterstützung zukommen lassen. (...) Wir werden ihn nicht alleine lassen & darauf drängen, dass ihm sämtliche rechtsstaatlichen Mittel zur Verfügung stehen".

(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)