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Update: 12.10.2018, 08:54 Uhr

Tourismus

Die verhexte Goldgrube




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Von WZ-Korrespondent Julius Müller-Meiningen

  • Der Gardasee war einst ein Ort von Nymphen, Feen und anderen Fabelwesen. Heute bevölkern ihn hauptsächlich Touristen. Der See ist an seine Grenzen gekommen.

Typische Szene in Sirmione am Gardasee: Viele Menschen kommen auf wenig Raum zusammen. - © Max Intrisano

Typische Szene in Sirmione am Gardasee: Viele Menschen kommen auf wenig Raum zusammen. © Max Intrisano

"Die Menschen am Gardasee leben für Ihre Arbeit", sagt Annalisa Mancini, die in der Tourismusbranche ihr Geld verdient.

"Die Menschen am Gardasee leben für Ihre Arbeit", sagt Annalisa Mancini, die in der Tourismusbranche ihr Geld verdient.© Max Intrisano "Die Menschen am Gardasee leben für Ihre Arbeit", sagt Annalisa Mancini, die in der Tourismusbranche ihr Geld verdient.© Max Intrisano

Lazise. Vom Traum zum Albtraum ist es manchmal nur ein Katzensprung. Die Staatsstraße am Westufer des Gardasees ist eine der schönsten Strecken Europas. Steil fallen die schroffen Kalkfelsen in das bläulich schimmernde Wasser ab, die grüne Macchia-Vegetation verleiht der Szene mediterranes Flair. Hier, knapp über dem See und gar nicht weit vom Himmel, scheint das Leben besonders lebenswert. Besonders zwischen Juni und September allerdings hat schon mancher Tourist diesen wunderbaren und in ein paar Stunden Autofahrt erreichbaren Flecken Paradies verflucht. Stundenlange Staus gehören heute zum Gardaseegefühl genauso wie der kühle Spritz am Seeufer.

Der Oktober ist also ein Zeitpunkt, zu dem man mit ein wenig Abstand auf den sommerlichen Ansturm zurückblicken und eine eher ungewöhnliche Perspektive auf den See riskieren kann. Die Straßenschilder auf der Westumfahrung etwa weisen schon auf einen Kosmos hin, den heute kaum jemand mehr ernst zu nehmen gewillt ist. Die Namen der Tunnels sind fast durchgängig mythischen Gestalten und Fabelwesen gewidmet, die den See früher fest im Griff hatten, bevor sich der Gott des Trubels und Geschäfts seiner Anwohner bemächtigte.


Von Sirenen, Nymphen, Zwergen und Giganten ist auf den Schildern die Rede. Garda selbst soll eine Nymphe gewesen sein. Anlässlich ihrer Vermählung mit Sarca, dem Gott des gleichnamigen Flusses, ließen ihr Vater Benaco und der Freier ihre Gewässer zu einem See zusammenfließen, dem sie den Namen Garda gaben.

Hunde bellen, Autos und Passanten sind sich im Weg
Es gibt Menschen, die die Welt der Geister und Feen am Gardesee durchaus ernst nehmen. Zur Sommersonnenwende wird jährlich am Ostufer des Sees ein Festival der Feen abgehalten, in Iseo am Nachbarsee findet im Mai ein Hexenfest statt. Simona Cremonini aus Manerba ist meist mit von der Partie. Die 39-Jährige schreibt derzeit nicht nur am dritten Band einer am Gardasee beheimateten Fantasy-Romanreihe. Die Autorin hat Mythen und Legenden um den See gesammelt und etwa in einem bislang nur auf Italienisch erschienenen Band namens "Fantastischer Garda" vorgelegt.

Cremonini sitzt in einer Bar in Sirmione am Südufer und erzählt zum Beispiel von den "Eguales", zwei aus dem Gewässer aufsteigenden Zwillingsschwestern, die von Bussardlauten angekündigt werden und Unglück verheißen. Sieht man sich auf der Landzunge des eigentlich zauberhaften Sirmione um, scheint es, als seien sämtliche Warnungen der Eguales überhört worden. Am Platz vor der Scaligerburg sind sich Autos und Spaziergänger im Weg. Hunde bellen nervös. Weil Hotelgäste auf engstem Raum im Wagen vorfahren, werden Fußgänger an die Hausmauern gedrängt. Touristen schlecken ihre überdimensional großen Eistüten, ein Spaziergänger führt seinen Hasen an einer Leine durch den Tumult. Ein mit roter Farbe angemalter Indianer lässt sich gegen Geld fotografieren. Wer sind hier eigentlich die Fabelwesen?

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Schlagwörter

Tourismus, Gardasee, Italien

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-11 17:06:47
Letzte Änderung am 2018-10-12 08:54:51


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