• vom 18.10.2018, 08:30 Uhr

Europastaaten


Südtirol

Im Untergrund der Südtiroler Seele




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Von WZ-Korrespondent Julius Müller-Meiningen

  • 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs ringt Südtirol weiterhin mit seiner Vergangenheit.

Sven Knoll von der Süd-Tiroler Freiheit sieht historische Chance.

Sven Knoll von der Süd-Tiroler Freiheit sieht historische Chance. Sven Knoll von der Süd-Tiroler Freiheit sieht historische Chance.

Bozen. Die letzte Ansprache ist gehalten, da erheben sich die Menschen im Saal von ihren Stühlen. Die Bläser der Stadtkapelle Bozen stimmen die inoffizielle Tiroler Landeshymne an. Hand aufs Herz, dann dringt es zu zünftiger Marschmusik aus hundert ergriffenen Kehlen: "Du bist das Land, dem ich die Treue halte, weil du so schön bist, mein Tiroler Land. Ein harter Kampf hat dich entzweigeschlagen, von dir gerissen wurde Südtirol."

Es ist der Parteitag der Südtiroler Freiheit. Die auf italienischem Staatsgebiet stets von Österreich träumenden Separatisten stimmen sich auf die Landtagswahl an diesem Sonntag ein.


Schon im Eingangsbereich zur Veranstaltung im Bozner Schloss Maretsch wird die unzweideutige Linie der Partei klar. Neben einem Korb mit hellgrünen Äpfeln, der wohl auch als politisches Statement für Heimatverbundenheit gelesen werden soll, können sich die Besucher mit Aufklebern und Propagandamaterial eindecken. Die Sticker mit den Slogans "Freiheit für Südtirol", "Südtirol ist nicht Italien" oder "Los von Rom" gehen am schnellsten weg. Man könnte den Eindruck gewinnen, ein stolzes und unbeugsames Volk würde hier von einer despotischen Clique unterdrückt.

Propaganda-Material am Eingang der Wahlveranstaltung der Süd-Tiroler Separatisten.

Propaganda-Material am Eingang der Wahlveranstaltung der Süd-Tiroler Separatisten.© Max Intrisano Propaganda-Material am Eingang der Wahlveranstaltung der Süd-Tiroler Separatisten.© Max Intrisano

So ähnlich stellen es einige Redner an diesem Samstag im Oktober auch da: "Im Grunde sind wir in Gefangenschaft", behauptet die Landtagsabgeordnete Myriam Atz Tammerle. Eva Klotz, die wie ihre Vorrednerin im Tiroler Dirndl auf die Bühne tritt, spricht vom "Kampf" gegen Rom. "Unser Land ist nur sicher, wenn es unabhängig ist von Italien", sagt Klotz und fügt hinzu, dass man sich für seine Vergangenheit nicht schämen müsse.

Diese Feststellung hat einen besonderen Klang, wenn man bedenkt, dass der Vater der 67 Jahre alten Parteigründerin in den 1960er Jahren ein führendes Mitglied des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS) war. Der BAS war eine Terrororganisation, die die Abtrennung Südtirols von Italien mit tödlichen Bombenattentaten voranzutreiben versuchte.

Exakt 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, der unter anderem zur Folge hatte, dass Südtirol von Österreich abgespalten und Italien zugeschlagen wurde, scheint in der Region derzeit Einiges zusammen zu kommen: wachsender Separatismus wie andernorts in Europa, Fremdenangst, erstarkender Populismus und die ewige Frage, wie mit einer traumatischen Vergangenheit am Besten umzugehen ist.

Besonders wichtig für die selbst ernannten Südtiroler Freiheitskämpfer ist die neue Regierung in Wien. Österreich bezeichnet sich auch heute noch als "Schutzmacht" Südtirols. Der völkerrechtliche Streit um das Land mit Italien ist zwar seit 1992 offiziell beigelegt, seither sind auch die weitreichenden Autonomierechte Südtirols verwirklicht. Aber seit Monaten sorgt der Plan der ÖVP-FPÖ-Regierung, den deutsch- und ladinischsprachigen Südtirolern neben dem italienischen auch den österreichischen Pass zu geben, für Unruhe. Dass Wien zwischenzeitlich sogar drohte, die symbolbeladene Brennergrenze zu schließen, um Flüchtlinge abzuhalten, hat die Lage nicht gerade entschärft.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-17 17:57:49
Letzte Änderung am 2018-10-17 19:36:53


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