• vom 08.05.2014, 18:26 Uhr

Europastaaten

Update: 08.05.2014, 20:08 Uhr

Fracking

Vier Dörfer gegen einen Weltkonzern




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Als sich die Landkreis- und Kommunalverwaltungen weiterhin weigerten, Akten öffentlich zu machen, rief Laiu und seine Initiativgruppe zu Protesten aus. Kurz darauf stellte sich heraus, dass Chevron bereits seit 2011 die Lizenz für mögliche Aufschlussbohrungen im ganzen Nordosten Rumäniens besitzt, und das für die nächsten 30 Jahre. Andere rumänische und ausländische Öl- und Gasunternehmen, darunter auch die OMV, bekamen unter den früheren wirtschaftsliberalen Regierungen für andere rumänische Regionen ähnliche Lizenzen.

"Wir haben versucht, die Menschen zu überzeugen, auf keinen Fall das Land zu verkaufen. Im Großen und Ganzen waren wir erfolgreich, aber es gab eben auch Ausnahmen", sagt Priester Vasile Laiu. So kam es letzten Oktober in Pungesti zu einer Auseinandersetzung zwischen Chevrons Sicherheitspersonal und den Dorfbewohnern. Als der Konzern mit Baggern und Lkw vorpreschte, blockierten die Demonstranten, darunter auch orthodoxe Geistliche, die Straße. Nach einem Telefonat mit Premier Ponta schickte der Präfekt von Vaslui mehrere Einheiten der Gendarmerie, um den Zugang zu den Grundstücken des Unternehmens freizumachen. Laius Vorgesetzte in der Bukarester Synode mahnten ihn davon ab, die orthodoxe Kirche in die weltliche Angelegenheit nicht einzumischen. Doch die Demonstranten gaben nicht auf.

Die ungewöhnlichen Bilder von den Gendarmen, die Gewalt gegen Bauern und Priester anwenden, machten die Runde in den abendlichen Nachrichten und bewegten die Regierung dazu, einen Schritt zurück zu machen. Chevron verkündete, dass die Bohrarbeiten in Pungesti bis auf weiteres eingestellt werden. "Die Sicherheit und Akzeptanz der Arbeiten muss erst gewährleistet werden", teilte das Unternehmen mit. Seitdem vergeht kaum ein Tag, ohne dass die Initiativgruppe Veranstaltungen, Diskussionen oder Demos in Bukarest, Barlad und den betroffenen Dörfern organisiert.

Doch dann kam die Krise in der benachbarten Ukraine. Das Thema der Unabhängigkeit von russischen Gaslieferungen kochte wieder hoch, diesmal nicht nur in Rumänien, sondern europaweit. Chevron preschte dann im März und April mit seinen Plänen vor und errichtete in Pungesti eine erste Aufschlussbohranlage. Der Rückzieher entpuppte sich als taktisches Manöver. Und die Politik in Bukarest nutzte die Gelegenheit, um alte Ängste wieder zu erwecken und die Debatte für geschlossen zu erklären.

Rumänien bleibt von Energielieferanten abhängig
"Die einfachste Analyse zeigt, dass die Argumente unsinnig sind", empört sich der linke Publizist und Blogger Costi Rogozanu. "Das Schiefergas soll von Chevron gefördert und an uns zu den üblichen Marktpreisen verkauft werden. Rumänien bleibt also energiepolitisch abhängig von einem Lieferanten, der jetzt nicht mehr Gazprom, sondern Chevron heißen wird. Das vermeintliche Problem wird durch den vorgeschlagenen Plan mitnichten gelöst, man schürt einfach nur alte anti-russische Ressentiments."

Hinzu kommt, dass sich die angebliche Abhängigkeit Rumäniens von dem Kreml-nahen Unternehmen eigentlich in sehr engen Grenzen hält. Die Schließung vieler energieintensiver Industrieanlagen seit den 1990er Jahren hat den Gas- und Strombedarf stark reduziert. Heute muss der Staat, anders als in Polen oder in den baltischen Ländern, nur rund 20 Prozent des gesamten Konsums von Importen decken, die Hälfte davon kommt aus Russland. Gleichzeitig boomten in den letzten Jahren die erneuerbaren Energien. Rumänien hat bereits heute seine mit der EU-Kommission vereinbarten Klimaziele für 2020 erreicht.

"Da dürfte ein bisschen mehr sein und wir sollten ambitioniert vorangehen", glaubt Willy Schuster aus dem siebenbürgisch-sächsischen Dorf Mosna, zu Deutsch Meschen. Der Mann war überhaupt der erste Biobauer im Lande und gilt mittlerweile als bekannter grüner Aktivist. "Meine Familie und ich wollen weiterhin Biogemüse anbauen. Doch dafür ist es jetzt offensichtlich nötig, zunächst Chevron-Kabel zu ernten", sagt er und meint damit, dass die Technik von Chevron, die ohne die Genehmigung der Eigentümer auf die Grundstücke verlegt wird, einfach entfernt werden solle. "Viele Bauern sind jetzt verunsichert, weil das Vorgehen des Konzerns einerseits gesetzwidrig ist, andererseits aber den Segen der Behörden hat. Wie geht man damit um, wenn der Staat illegale und rücksichtslose Aktionen eines Privatunternehmens toleriert?", fragt Schuster.

"Unser Widerstand war ein erster Sieg für unsere lokale Umweltbewegung, wir sind stolz darauf, weil wir gezeigt haben, dass es nicht nur die Studenten und jungen Akademiker in Bukarest sind, die sich Umweltschutz und eine andere Politik wünschen", erklärt Priester Laiu und meint damit die andauernden Proteste gegen das Goldbergbauprojekt in Rosia Montana. "Wir haben gezeigt, dass auch kleinere, einfache Menschen in den Dörfern sensibilisieren und mobilisieren lassen. Jetzt müssen wir eben unsere Dörfer verteidigen. Der Kampf geht weiter." Spätestens mit dem Beginn der Bohrungen ist klar: Er wird schwer zu gewinnen sein.

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Dokument erstellt am 2014-05-08 18:29:04
Letzte Änderung am 2014-05-08 20:08:42


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