Beim Kompetenzcheck lernen die Flüchtlinge auch, wie ein Lebenslauf aussieht . - © Stanislav Jenis
Beim Kompetenzcheck lernen die Flüchtlinge auch, wie ein Lebenslauf aussieht . - © Stanislav Jenis

Wien. Wie man Leder herstellt, weiß Malik. Wie man das Wort schreibt, fällt ihm allerdings gerade nicht ein. Er schlägt es auf einer Übersetzungswebsite nach und schreibt es danach unter "Berufserfahrung" in seinen Lebenslauf. "Mein Vater, mein Großvater und Urgroßvater waren bereits Gerber", erzählt der junge Syrer, der ein schwarzes Lederarmband trägt. Große Fußstapfen, in die Malik treten will. Den ersten Schritt hat er bereits in seiner Heimat Damaskus gemacht. Dort hat der 19-Jährige eine Lehre als Gerber begonnen. Wegen des Bürgerkriegs musste er sie aber unterbrechen. Er floh über den Libanon, die Türkei und Italien nach Österreich. Zwei Jahre lebt er bereits in Wien. Zum Abschluss seiner Ausbildung fehlt ihm noch ein Jahr.

Keine repräsentativen Daten

Bis Flüchtlinge beim Arbeitsmarkt Service (AMS) als arbeitslos aufscheinen, vergeht viel Zeit. Derzeit dauert ein Asylverfahren durchschnittlich siebeneinhalb Monate. Und das ist noch gar nicht das größte Problem. Denn die Länder, die Flüchtlinge aufnehmen, wissen nur wenig über ihr Bildungsniveau. "Das ist ein Stochern im Nebel", sagt der deutsche Bildungsökonom Ludger Wößmann (siehe Interview). Daher rief das Wiener AMS 2015 das Pilotprojekt "Kompetenzcheck" ins Leben, um mehr über die Qualifikation der Flüchtlinge zu erfahren. Voraussetzung zur Teilnahme sind ein positiver Asylbescheid, Deutsch in A1-oder A2-Niveau und die Meldung beim AMS.

Das Ergebnis erstaunte zunächst. 67 Prozent der syrischen, 73 Prozent der irakischen und 90 Prozent der iranischen Teilnehmer besitzen eine Ausbildung, die über die Pflichtschule hinausgeht. Viel schlechter gebildet sind hingegen die afghanischen Flüchtlinge, von denen nur zwei Prozent einen Beruf erlernt haben und ein Drittel überhaupt keine Schulbildung hat. Danach gab es - berechtigte - Kritik. Der Test mit seinen knapp 900 Teilnehmern, sei nicht repräsentativ für die aktuelle Flüchtlingswelle. Zudem bestehen gravierende Unterschiede zwischen dem syrischen, afghanischen und österreichischen Bildungssystem. Ein erstes Licht ins Dunkel warf das Pilotprojekt dennoch.

Crashkurs über Österreich

Seit Anfang Jänner haben 730 weitere Flüchtlinge in Wien den Kompetenzcheck durchlaufen. 5300 weitere sollen es bis Mai 2017 sein. Wer teilnimmt, entscheidet das AMS. Die Durchführung ist an elf Kursträger ausgelagert. An einer Volkshochschule im fünften Wiener Gemeindebezirk kümmert sich das Bildungsinstitut Murad & Murad darum. Es ist ein in die Jahre gekommener Zweckbau mit rotem Gummiboden und blauen Klappstühlen in den Gängen. In Raum 307 sitzen Malik und sieben weitere junge Syrer vor ihren Bildschirmen. Es ist es ihre zweite Woche. Sie lernen, wie hierzulande ein Lebenslauf aussehen soll, wie die neun Landeshauptstädte heißen, wie ein Mietvertrag aussieht und welche Berufe es in Österreich gibt.