Kompetenzcheck trifft es also nicht ganz. Es handelt sich vielmehr um einen fünfwöchigen Crashkurs, bei dem Flüchtlingen nähergebracht wird, wie Österreich funktioniert. Zudem gibt es wöchentlich Einzelgespräche, bei denen geklärt wird, welche Arbeitserfahrung die jungen Syrer und Afghanen mitbringen und welche Zeugnisse vorhanden sind. Am Ende steht ein Ergebnisbericht, den Murad & Murad an das AMS schickt. Ein kleines Puzzlestück zur Integration. "Wir wollen die Menschen auf Schiene zu einem österreichischen Bildungsabschluss bringen" sagt Sebastian Paulick vom AMS Wien. Damit sie auf dem Arbeitsmarkt überhaupt eine Chance haben, ist dies das vorrangige Ziel.

500 bis 600 junge Flüchtlinge zwischen 18 und 25 Jahren haben bei Murad & Murad seit Jänner den Kompetenzcheck besucht. Eine erste Zwischenbilanz:. 40 Prozent der Syrer haben Matura oder eine abgeschlossene Ausbildung, der Rest nur einen Pflichtschulabschluss. Bei den Flüchtlingen aus Afghanistan hängt es davon ab, ob sie Zeit im Iran verbracht haben oder nicht. Denn das Bildungssystem im Nachbarland ist weit besser ausgebaut als im bürgerkriegsgebeutelten Afghanistan, wo sie meist nur bis zum Alter von zwölf Jahren eine Schule besuchen.

Neu gewonnene Freiheit

Teilnehmer mit einem abgeschlossenen Studium sind aufgrund des jungen Alters selten. Deshalb knüpft man an vorhandene Fähigkeiten an. In überbetrieblichen Lehrwerkstätten wird etwa ihr handwerklich-technisches Können überprüft. "Wenn ein junger Mann drei Schweißverfahren beherrscht, dann macht es Sinn, dass er die Module für zwei weitere Verfahren auch noch lernt", sagt Andrea Murad, Geschäftsführerin von Murad & Murad.

Doch auch dies birgt Hindernisse: Produktionsprozesse in Syrien und Afghanistan sind kaum mit denen hierzulande vergleichbar. "Selbst wenn die Person eine höhere formale Qualifikation hat, stellt sich die Schwierigkeit, wie man sie in Österreich übersetzen kann", gibt Arbeitsmarktexperte Helmut Hofer vom Institut für Höhere Studien zu bedenken.

Oft muss man die jungen Menschen auf den Boden der Tatsachen holen. "Viele Flüchtlinge wollen Friseur werden, doch der Markt in Österreich ist gesättigt", sagt Basem, der inhaltliche Projektleiter der Kompetenzchecks. In Syrien brauche man für einen Friseursalon nicht viele Dokumente. In Österreich dagegen ist alles stark reglementiert. Enttäuscht seien sie nicht, sondern überfordert: "Im Gegensatz zu Syrien können sie in Österreich viel mehr frei entscheiden. Das macht es manchmal auch schwierig."

Abschluss ist essentiell

Einen Stock höher, in Raum 406, steht österreichische Geschichte auf dem Programm. Vor den jungen Afghanen liegt ein A4-Blatt. Darauf: Österreich und die Bundesländer, daneben kleine Symbole für Pass oder Asyl. Ghasem kennt das alles, er ist bereits seit 2011 in Österreich. In Afghanistan hat er als Gärtner gearbeitet und Teppiche geknüpft. Er würde gerne Metalltechniker oder Automechaniker lernen, doch dazu braucht er einen Abschluss. "Ich besuche gerade die HAK in der Abendschule", erzählt er. Er wirkt niedergeschlagen, weil er viele Absagen bekommen hat. "Die Firmen nehmen meist nur Österreicher auf", sagt Ghasem.

Malik wird noch drei Wochen über die heimische Demokratie und Tücken im Mietvertrag erfahren. Danach will er so schnell wie möglich seine Gerber-Lehre abschließen - und einen Job finden. Die Chancen stehen gut: Seit Jänner sind 41 offene Stellen im Bereich "Ledererzeugung und -bearbeitung" gemeldet.