Wien. Mit Migration beginnt manchmal eine lange Suche nach Verwurzelung und Geborgenheit. Das zeigt das kürzlich erschienene Buch "Fremde Heimat Deutschland - Leben zwischen Ankommen und Abschied" (ibidem-Verlag, Stuttgart), in dem Zuwanderer und ihre Kinder in Porträts zu Wort kommen. Die meisten stammen aus der Türkei.

Zufrieden mit der Lage in Deutschland zeigen sich einige erfolgreiche Deutsch-Türkinnen, wie die Managerin Nina Öger, deren Vater in den 60er Jahren zum Bergbau-Studium nach Berlin gereist ist. Zwei Kulturen zu kennen hält sie für einen Gewinn. "Deutschland sieht diesen Reichtum jetzt besser als noch vor Jahren." Ähnlich optimistisch äußert sich die deutsch-türkische Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar: "Deutschland ist heute ein offenes Land. Schön wäre, wenn die Vorteile auch für Deutsch-Türken sichtbarer werden. Sie sollten sich am deutschen Zeitgeschehen beteiligen und teilhaben."

Nicht alle sind sich sicher, ob sie das werden. 2008 haben 738.000 Menschen Deutschland verlassen, 682.000 sind zugewandert. Seit den 90er Jahren schrumpft die Zahl der Zuwanderer, dafür kehren immer mehr Menschen Deutschland denn Rücken. Derya Ovali, deren Eltern in den 80er Jahren eingereist sind, hatte ursprünglich viele Pläne in Deutschland. Nun spielt sie mit dem Gedanken, ins Herkunftsland ihrer Eltern auszuwandern. Dass "viele Unternehmen in Istanbul gut ausgebildete Deutsch-Türken mit offenen Armen aufnehmen", ist nur ein Grund.

Thilo Sarrazins Aussagen über Inzest in muslimischen Gesellschaften und die Vererbbarkeit von Intelligenz waren zu viel. "Wenn ich solche Themen höre, könnte ich gleich meine Koffer packen und einen Schlussstrich unter Deutschland ziehen", sagt die Studentin der Erziehungswissenschaften, die sich bisher in der SPD engagiert hat, der auch Sarrazin angehört. "In der Türkei bin ich keine Bürgerin zweiter Klasse." Und: "Unsichtbare Wände trennen Deutsche von Türken und umgekehrt."

Ovali ist nicht die Einzige in dem Buch, die in Deutschland nicht so recht heimisch wird. Mehrere Angehörige der zweiten und dritten Generation türkischer Zuwanderer fühlen sich noch immer fremd. Das Wir-Gefühl geht ihnen ab, 50 Jahre, nachdem die Bundesrepublik begonnen hat, "Gastarbeiter" anzuwerben.

Nicht alle betonen nur den Gewinn, in zwei Kulturen aufgewachsen zu sein. "Deutschland kann ich nicht vergessen und vermisse es sehr", meint Halil Türkan, der mit seiner Familie wieder in der Türkei lebt und unter einer inneren Zerrissenheit leidet: "Das ist ein unbeschreibliches Gefühl, als würde ich zwischen zwei Kulturen leben und für eine müsste ich mich entscheiden." Ein ganzer Abschnitt des Buchs widmet sich auch jenen Remigranten, die in den 80er Jahren, angeregt durch das Rückkehrförderungsgesetz der Regierung Kohl, in die Türkei zurückgekehrt sind. Damals wurden in der Türkei deutsche Schulen für diese Remigranten eingerichtet.

Das Buch bietet eine Fülle teils widersprüchlicher Einblicke in verschiedenste Biographien. Herausgegeben wurde es vom deutsch-türkischen Journalisten Murat Ham und Angelika Kubanek von der Technischen Uni Braunschweig, die unter anderem über Interkulturalität forscht.