Wien. Die Straßen sind verlassen. Leerstehende Geschäftslokale liegen brach. Die Schaufenster sind mit Brettern vernagelt. Hin und wieder zieht eine Gruppe verarmter Greise vorbei.

Die Pensionszahlungen sind in den Jahren zuvor massiv zurückgegangen. Viele leben vom Einkommen ihrer Kinder und Enkelkinder, sofern sie welche haben. Denn die Geburtenrate ist niedrig. Seit mehr als drei Jahrzehnten schrumpft die Einwohnerzahl Wiens rapide. Langsam aber sicher droht sie unter die 1-Millionengrenze zu rutschen.

Dystopie? So würde Wien heute ohne langjährige Zuwanderung aussehen. Anne Goujon und Ramón Bauer vom Institute of Demography der Österreichische Akademie der Wissenschaften haben berechnet, wie sich die Bevölkerungsstruktur der Stadt entwickelt hätte, hätte es seit 1971 keine Zu- und Abwanderung mehr gegeben.

Im Jahr 2010 wären es nur 1,2 Millionen Einwohner gewesen, also 500.000 Wiener weniger, als es tatsächlich waren. Auch die Altersstruktur der Bevölkerung wäre eine andere gewesen. Im Jahr 1971 war Wien das bei weitem älteste Bundesland und mit einem Medianalter von 42 Jahren eine der ältesten Städte der Welt. Der Anteil der über 65-Jährigen lag bei knapp 20 Prozent. Hätte sich diese Entwicklung fortgesetzt, wäre das Medianalter heute bei 48 Jahren und jeder vierte Wiener über 65. Eine Katastrophe für das Pensionssystem.

In Wahrheit hat sich Wien jedoch deutlich verjüngt. Das Medianalter liegt bei 41 Jahren und weniger als 15 Prozent der Bevölkerung ist über 65 Jahre alt. Wien ist – gleichauf mit Vorarlberg – das jüngste Bundesland. Der Grund liegt in der Zuwanderung. "Immigration schwächt die demografische Alterung, während sie Emigration stärkt. Denn vor allem junge Menschen sind mobil", sagt Ramón Bauer.

Das WIREL Projekt des Vienna Institute of Demography der Österreichische Akademie der Wissenschaften zeigt die religiöse und demografische Entwicklung Wiens seit 1971.

Gegenseitige Interaktion

Dieses Gedankenexperiment zeigt, wie wichtig Migration für eine Stadt ist. Vor allem für westliche Großstädte, deren Fertilitätsraten ohne Zuwanderung im Keller wären. In Wien stammen die meisten internationalen Zuwanderer aus Deutschland, dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei, Polen, Rumänien und Bulgarien. Waren 1971 noch 96,2 Prozent der Bevölkerung Österreicher, so sank dieser Wert auf 78,3 im Jahr 2011. Wien ist also multikultureller und vor allem multireligiöser geworden. 2011 lebten 11,6 Prozent Muslime in Wien, 1971 waren es nur 0,5 Prozent.