Mit "Free Kirill" auf den T-Shirts der Protagonisten war der russische Theater-, Film- und Opernregisseur Kirill Serebrennikov symbolisch beim einhelligen Schlussapplaus am Sonntag im Opernhaus Zürich dabei. Wegen Veruntreuungsvorwürfen darf er seine Moskauer Wohnung seit August 2017 nur mit Fußfessel verlassen. Mit der Außenwelt kann er nur über einen Anwalt kommunizieren, Proteste weltweit verhallten ungehört. Umso bewundernswerter ist es, wie sich der ehemalige Leiter des Moskauer Gogol-Zentrums nicht mundtot machen lässt.

Intendanten wie Andreas Homoki in Zürich helfen ihm dabei. Im Februar fiel der Entschluss, Serebrennikov mit der Inszenierung und Ausstattung von Mozarts "Così fan tutte" zu betrauen. Das Konzept stand, und Evgeny Kulagin konnte es dank langjähriger Zusammenarbeit der beiden gemeinsam mit dem Videodesigner Ilya Shagalov umsetzen. Die Proben wurden gefilmt und Serebrennikov zugestellt, der seine Anmerkungen und Korrekturen via Videobotschaften nach Zürich schickte.

Den beiden Schwestern aus Ferrara wird vom fatalistischen Don Alfonso und ihren beiden Liebhabern noch viel grausamer mitgespielt, als Mozart und Lorenzo da Ponte es geplant haben - entsprechend dem Geist unserer Zeit, in der die Hemmschwelle für Gewalt bedenklich sinkt.

Die Liebhaber sterben

Hübsch getrennt sporteln Frauen und Männer im Fitnessstudio in zwei übereinanderliegenden Räumen: die Damen oben beim Work-
out, die Männer mit Gewichten und am Punching-Ball. Noch verschaffen sich die Männer im Gym Raum für aufgestaute Aggressionen. Statt mit einem harmlos scheinenden Kleidertausch stellen sie dann aber die Treue ihrer Geliebten mit von ihnen gesteuerten Doppelgängern auf die Probe, in denen sie ihre dunklen Seiten grausam ausleben. Serebrennikov dehnt dafür das Geschehen zeitlich aus. Ferrando (Frédéric Antoun, stimmlich leuchtend) und Guglielmo (vollsaftig Andrei Bondarenko) ziehen wirklich in den Krieg - und sterben. Für das Weitere war Jerry Zuckers Film "Ghost" Ideengeber.

Die Urnen nehmen die Frauen nach Hause in ihre schicke Wohnung; Despina ist hier mehr eine Beraterin als Zofe, die den beiden die aktuelle Rolle der Frau (Kinder - Küche - Kirche) mit Videos und Powerpoint-Folien vor Augen führt und sie zur Emanzipation aufruft (quirlig und leicht: Rebeca Olvera). Die 20.000 Schweizer Franken für die Unterstützung von Don Alfonsos Wette lässt sie sich von diesem (kernig: Michael Nagy) online überweisen, sodass dem Besuch der neuen Liebhaber nichts im Wege steht.

Die mit Thawb (dem weißen, arabischen Männergewand) bekleideten, ungebetenen Gäste verstören die Schwestern von vorneherein. Noch mehr aber tun sie das, wenn sie sich als echte Widerlinge entpuppen, die die Schwestern auf gröbste Art unterwerfen. Dorabella fügt sich, wie bekannt, rascher (temperamentvoll, aber mit zu viel Kraft: Anna Goryachova). Fiordiligi muss sich erst in ihrem Rondo "Per pietà, ben mio perdona" bei Guglielmo für ihre Schwäche Absolution erteilen lassen, bevor sie sich dafür umso heftiger dem Liebesspiel mit dem Neuen hingibt (expressiv Ruzan Mantashyan, aber mit unangenehmen Schärfen). Deftig, rau, mit teilweise rechtem Tempo klingt es aus dem Graben, wo Cornelius Meister die Philharmonia Zürich synchron zum Bühnengeschehen, aber stellenweise nivellierend durch den Abend führt.

Im zweiten Finale wähnt man sich in 1001 Nacht, so sehr werden die Schwestern für die Hochzeiten geschmückt und zugleich bewegungsunfähig gemacht: Sie sind unterworfen. Plötzlich wechselt das Orchester von "Così" in die Ouvertüre zu "Don Giovanni", denn die alten Liebhaber machen sich aus dem Jenseits bemerkbar. Das ist zwar effektvoll, aber nach allen Geschehnissen unnötig.