Diese Rolle bekam Peter Mati è zu seinem 70. Geburtstag als Geschenk der Reichenauer Festspiele. Und macht sie seit der Premiere von Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang" dem Publikum zum Geschenk. Ein Panorama an Gefühlen - von leisen Zärtlichkeiten bis zu schmerzhaften Wutausbrüchen verleiht er dem Patriarchen und Kommerzienrat Matthias Clausen. Umwerfend.



Sonnenschein vor dem bitteren Untergang


Clausen ist wie Mati è - und wie Hauptmann bei der Uraufführung 1932 - gerade 70 Jahre alt. Er wird geehrt, gefeiert, von seinen Kindern samt Anhang wie von Fliegen umschwärmt. Wohlstandsverwahrloste ewige Kinder sind es, die sich weder emotional noch materiell von ihrem verwitweten Vater trennen können. Ihn nicht loslassen, ihm kein eigenes unkonventionelles Leben gönnen wollen. Clausen will das "Seil kappen, das mich an meinen alten Kurs gebunden hält". Seine Gedanken kreisen zu seinem Jubiläum um den Tod, um seine verstorbene Frau, seine Stimmung ist schwer: er nähere sich der "Schlusspartie", von "schauervollen Nächten" erzählt er.

"Paradieseshelle" zaubert ein junger Wildfang in sein Leben: Die lebensfrohe Inken Peters, einfache Kindergärtnerin im nahe gelegenen Broich, will ihr Leben mit ihm teilen - gegen alle Konventionen. Elisa Seydel spielt überzeugend und allerliebst Clausens Sonnenschein vor dem Untergang. Sie hüpft mehr als sie geht, sprüht vor Energie und Optimismus - und bricht in sich zusammen, als der gemeinsame Traum zusammenbricht.

Mati è und Seydel spielen rührend die junge Liebe, dieses "Wir gegen den Rest der Welt"-Gefühl, sind trotz des Altersunterschiedes niemals peinlich. Die Augen strahlen, wenn sie sich die Liebe erklären und man hofft, das bittere Ende wäre einfach kurzerhand umgeschrieben worden. Mati è ist einfach grandios: Wenn er verzweifelt den Familientisch umstößt - zutiefst enttäuscht von den eigenen Kindern. Wenn der stolze Geschäftsmann mit einem Lächeln auf den Lippen plötzlich zerzaust und orientierungslos im Garten bei Inkens Mutter (warmherzig: Gertrud Roll) auftaucht. So verletzt, dass nichts mehr helfen kann.



Zwischen Hilflosigkeit und fieser Diabolik


Die Kinder - eine Meute zwischen Hilflosigkeit und Diabolik - begleiten das starke Duo recht gekonnt: Julia von Sell ist eine fiese Schwiegertochter, Hannes Gastinger der plump-ehrgeizige Schwiegersohn Klamroth. Tamara Metelka, Alexander Lhotzky, Emese Fay sind die durchtriebenen Kinder, die auch vor einer Entmündigung nicht zurückschrecken. Marcello de Nardo ist als Justizrat Hanefeldt ihr genial-diabolischer Überbringer. Auf Clausens Seite: sein Mitläufer-Sohn Egmont (herrlich lebemännisch-naiv: Sascha Oskar Weis) und Rainer Frieb, der neben seiner eigenen Rolle des Hausarztes auch die des erkrankten Ludwig Hirsch (Prof. Geiger) mit übernommen hat - mehr und weniger charismatisch.

Beverly Blankenship hat Hauptmann reduziert, geklärt und schlüssig auf die Bühne (Farbenzauber in Pastelltönen von Peter Loidolt) gebracht. Die Stellen, die an das Innerste, die Existenz des Menschen stoßen, sind eindrucksvoll hervorgearbeitet. Wenn Clausen vom Glück der Geburt des ältesten Sohnes erzählt, schmerzt die Enttäuschung über diesen noch viel mehr. Aus dem schwachen Kleinkind ist schließlich ein starker Mann geworden, der den Vater zerstören kann.

Junge und alte Menschen im Publikum können sich hier ertappt fühlen, einen Spiegel vorgehalten bekommen. Vor allem aber erleben sie einen Theaterabend, wie man ihn sich nur wünschen kann. Vor allem dank des großartigen Peter Mati è. Vehementer Jubel im Publikum.

Vor Sonnenuntergang

von Gerhart Hauptmann

Beverly Blankenship (Regie)

Peter Loidolt (Bühne)

Mit Peter Mati è , Elisa

Seydel, Julia von Sell, Rainer Frieb, Marcello de Nardo

Theater Reichenau,

02666-52528

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