"Grias di, scheen, dass’d do bist", so werden die Theaterbesucher begrüßt. Freundlich wird man gebeten, in der heimeligen Wirtstube der Buschenschank Stift St. Peter Platz zu nehmen. Gefüllte Weingläser stehen schon griffbereit. Das Wiener Performancekollektiv Nesterval lädt in seiner jüngsten szenischen Auseinandersetzung "Das Dorf", entstanden in Kooperation mit dem brut, zu einer Bauernhochzeit.

Dass dieses feierliche Ereignis nicht glatt über die Bühne gehen wird, davon kann man freilich ausgehen. Tatsächlich nimmt das Stück gleich in den ersten Spielminuten die schlimmstmögliche Wendung: Aus dem Hochzeitsfest wird eine Totenfeier, die Braut hat nämlich Selbstmord begangen. Wie in einer Rückblende werden daraufhin die vergangenen sieben Tage durchgespielt. Auf diese Weise erfährt man, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Die abgründigen Einblicke ins Dorfleben finden in der Buschenschank, in angrenzenden Gebäuden sowie im Innenhof des Areals statt.

Verstrickt ins Dorfleben

Das Performancekollektiv, 2011 in Wien gegründet, hat sich in den vergangenen Jahren mit kuriosen Schnitzeljagden und Abenteuerspielen für Erwachsene ("Der letzte Ball") einen Namen gemacht. Mitmachtheater - sogenanntes immersives Theater - ist eine weitere Nesterval-Spielart; dabei wird der Theaterraum selbst zum Erlebnisraum.

Die Zuschauer bewegen sich frei durch die kunstvoll arrangierten Rauminstallationen in Hernals, sammeln Erfahrungen in den inszenierten Welterfindungen, die einen dieses Mal in das fingierte Bergdorf St. Peter und ins Jahr 1964 führen. Das 19-köpfige Nesterval-Ensemble steckt in zünftiger Tracht, spricht herzhaften Dialekt und liefert im Lauf der knapp dreistündigen Versuchsanordnung eine ganze Reihe an guten Gründen, die zum Suizid geführt haben. Bei den einzelnen Stationen kommt es zu szenischen Miniaturen, dabei gehören die akkurat einstudierten Volkslieder und -tänze zu den Höhepunkten.

Dramaturgische Anleihen nimmt die Formation, in der Regie von Herrn Finnland (Künstlername), vor allem beim Theaterstück "Anna-Liisa" (1895), in dem die finnische Autorin Minna Canth das Schicksal einer Kindsmörderin verhandelt, aber auch Elemente aus Marie von Ebner-Eschenbachs "Krambambuli" (1883) tauchen auf. Diese Texte von anarchischer Wucht verbindet die Truppe mit Überlegungen zum Thema Heimat, Fremdsein, Dazugehören. Nesterval bleibt diesmal den Rollenklischees erstaunlich treu und vermittelt dabei ein relativ geschlossenes Dorfbild, in dem das urbane Publikum wie ein Fremdkörper wirkt. Etwas fragwürdig bleiben nur die Spiele, zu denen die Zuschauer angehalten werden. Um Murmeln zu gewinnen, verteilen die Besucher auf Zuruf Grußkarten, Nonsensebotschaften, aber auch Beleidigungen.

Dennoch: Ein sympathischer Abend, der mit folkloristischem Gruppentanz endet. Hoch die Arme, hoch das Bein. Juche!