• vom 09.11.2018, 16:03 Uhr

Bühne

Update: 09.11.2018, 16:21 Uhr

Theater-Kritik

Der Schlusschor versöhnt




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Von Hans Haider

  • "Acht Frauen" von Robert Thomas in den Wiener Kammerspielen.

Alle acht: Silvia Meisterle (v. l.), Sandra Cervik, Isabella Gregor, Marianne Nentwich, Anna Laimanee, Pauline Knof, Susa Meyer und Swintha Gersthofer.

Alle acht: Silvia Meisterle (v. l.), Sandra Cervik, Isabella Gregor, Marianne Nentwich, Anna Laimanee, Pauline Knof, Susa Meyer und Swintha Gersthofer.© Sepp Gallauer Alle acht: Silvia Meisterle (v. l.), Sandra Cervik, Isabella Gregor, Marianne Nentwich, Anna Laimanee, Pauline Knof, Susa Meyer und Swintha Gersthofer.© Sepp Gallauer

Mittlere Intelligenz reicht nicht aus, um die Verknotungen in dieser Kriminalkomödie zu entwirren. Spannung also bis zum überraschenden Ende. Acht Frauen auf der Bühne und kein Mann, und jede könnte den Hauspatron im Schlafzimmer erdolcht haben. Robert Thomas (1927-1989) schrieb "Huit Femmes" für die Bühne mit jenem Ehrgeiz, den es braucht, den Eiffelturm aus Zündhölzern zu bauen. In einer klassischen Agatha-Christie-Situation mit dem Schlussverhör aller Verdächtigen im Schloss- oder Expressbahnsalon verzichtete er auf den lenkenden Geist von Miss Marple und Hercule Poirot. Die Bühnenpraxis kennt ein einziges Acht-Frauen-Stück: "Bernarda Albas Haus" von Garcia Lorca. Es kommt auf den Spielplan, munkelt man, wenn ein Intendant verzweifelt nach Beschäftigung fürs übergroße Damen-Ensemble sucht. In Lorcas eintöniger Frauentragödie lässt sich Mittelmaß im Witwentrauermodus verstecken. Thomas indes schickt alle acht üppig ausgestattet mit vertrackten Biografien vors Publikum. Wenn’s glückt: ein Schauspielerinnenfest.

Inspiration: Filmfassung

Information

Theater

Acht Frauen

Von Robert Thomas

Herbert Föttinger (Regie)

Kammerspiele

Wh.: 9., 14., 15., 23., 27., 28.11.

Es glückte - bis auf die Songs. Denn Herbert Föttinger folgte in seiner unglücklichen Liebe zu Tanz und Gesang der Filmfassung von Francois Ozon, mit Catherine Deneuve in der Matronenrolle und Isabelle Huppert im uralten Komödienstandard als alter Jungfer. Der Josefstadt-Hausherr inszenierte seinen Zwitter aus Schauspiel und Musical mit Dutzendmusiken von Franz Wittenbrink und Lyrikkitsch aus der Wühlkiste ("Ich habe meine Unschuld verschenkt"). Erst der Schlusschor versöhnt, wenn sich die acht, Ironie und Utopie, im Rhythmus wiegen. Birgit Hutters Kleider vervollkommnen das Entspannungsbild in eleganter Harmonie. Salut auch den Hausfriseuren.

Der erlösende Frieden vernebelt ein oft erschreckendes bürgerliches Sittenbild. Die schrittweisen Enthüllungen von Lug und Trug, Treulosigkeit und Veruntreuung, Sondersex und Doppelleben schaukeln sich auf zum Exzess. Damen puffen und ohrfeigen sich, würgen einander auf dem Boden. Die Liga Gewalt gegen Frauen schaut ohnmächtig zu. Der Stammgäste-Applaus wie üblich freundlich.

Susa Meyer ist Gaby, die Herrin des Hauses: groß, schlank, von jener kühlen Beherrschtheit, der man jede Intrige zutraut. Marianne Nentwich, ihre Mutter, springt quickagil aus dem Rollstuhl und muss dort zuletzt im Suff verschimmeln. Ungleich die Töchter des Hauses: Swintha Gersthofer kommt als Susanne umstandshalber aus dem College zur Beichte ins Landhaus (ausgetüftelte Scheinarchitektur von Ece Anisoglu); Anna Laimanee als Catherine nervt, erfrischt und überrascht zum Schluss als eigensinniges Girlie. Wie aus zwei Welten, prima vista, auch Gabys Schwester und Schwägerin. Sandra Cervik poltert köstlich mit dicker Brille und impertinenten Sprüchen, und zeigt doch Schmerz und Sehnsucht einer in der Provinz Zukurzgekommenen; Pauline Knof dagegen souverän in der Schaukel von schamlos und verschämt. Isabella Gregor macht sich als alternde Köchin ganz groß klein. Noch bestechender Silvia Meisterle: hier Dienstmädchen, doch dabei schön und würdevoll wie eine Königin, zu jeder Sekunde präsent in einer scheinbar mühelosen Dauergespanntheit und Präzision. So bannt sie die Blicke auf sich. Warum wird sie oft im Ensemble versteckt?





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-09 16:16:12
Letzte Änderung am 2018-11-09 16:21:19


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