Egoisten verlieren sich in ihrer Einsamkeit: Bernhard Schir und Alma Hasun. - © Astrid Knie
Egoisten verlieren sich in ihrer Einsamkeit: Bernhard Schir und Alma Hasun. - © Astrid Knie

Atembremsend langsam hebt sich der Eiserne Vorhang. Ruck um Ruck erscheint mehr von der Wand aus vier gleich hohen Flügeltüren. Ihr feines Relief scheint zu zittern, als wäre es knisternd unter Strom gesetzt. Raimund Orfeo Voigts Bühnenmaschinerie bietet ein Schauspiel, in welchem Arthur Schnitzlers Fin-de-siècle-Figuren scharfe Konturen brauchen, um nicht als Statisten durch den Beziehungsparcours zu tappen. Die zeigt das Ensemble bravourös in angespannter Genauigkeit.

Verknappter Text

Im 1904 uraufgeführten Schauspiel "Der einsame Weg" wandert die Handlung durch die Behausungen dreier prototypischer Selbstverwirklicher: Wegrat ist als Akademiedirektor ein beamteter Künstler, Fichtner ein freier Maler, Herr von Sala ein begüterter Privatwissenschafter. In den Korridoren einer großbürgerlichen Wohnung werden sie eng geführt. Der slowenische Regiegast Mateja Koležnik zwängte schon in München Ibsens "Volksfeind" in einen Schaukasten, in der Josefstadt im Vorjahr "Die Wildente" auf eine Treppe. Das Publikum bestätigte auch diesmal mehrheitlich Frau Koležniks Erfolgsmodell. Bei dem die Kompressionsartistin die Dichtungen auf das vermeintlich Wesentliche kürzt und in manierierten Bildern schockgefriert.

Ibsens alte Mechanik der schrittweisen Entlarvung und moralischen Verdammung von Niedertracht und Lebenslügen war schon von gestern, als Schnitzler im "Einsamen Weg" Sympathie für das Verdrängen, Vergessen, Unehrlich-Sein warb. Was Dümmeres als dem jungen Leutnant Felix Wegrat (Alexander Absenger) zu sagen, dass er nicht Sohn seines Vaters ist, konnte dem Pinsel- und Lebenskünstler nicht einfallen. Warum das Faschée? Weil um 1900 eine Ordnung beginnt, sich aufzulösen. Die ehedem mädchenverzehrenden jungen Herren beginnen mit vierzig, Selbstgewissheiten zu verlieren, werden einsam, redselig, selbstmitleidig, skeptisch. Egoisten (ein früher Name für das Projekt) bleiben sie dabei allemal. Es sind die Worte, die zu viel gesagt werden, die Schnitzlers Dichtung die wahre Schönheit und befreiend komische Momente bewahren. Ibsen kann man rasch nacherzählen. Nicht aber die Empfindungsgewebe im "Einsamen Weg".

Die moribunde Mutter Wegrat (Therese Lohner) zieht zunächst alles Mitfühlen auf sich. Sie ist es, die ihrem Mann beichtet, was der ohnehin weiß: Der Maler, Jugendfreund ihres Mannes, ist der Vater ihres Sohnes Felix. Ihrem Töchterlein steigt schon der noble Hausfreund Sala nach. Und umgekehrt. Denn Alma Hasun wirft das Begehren zu Boden wie eine rollige Katze. Bernhard Schir zeichnet den Sala als aristokratischen Mischtyp von ruppig und fein. Auch er sieht den Tod vor Augen und wählt für seine letzte Reise den Orient. Die Affäre mit Johanna endet mit einem beiläufigen Heiratsantrag. Warum sie dennoch ins Wasser geht? Koležnik deutet eine Schwangerschaft an. Als Leiche steht sie wie ein Nachtmahr im Goldkleidchen bei Wegrats im Fenster. Ihr Galan eilt schuldbewusst zum Suizid.

Kalter Abend

Ulrich Reinthalers Rolle als freier Künstler sticht aus der Kälte der Bilder heraus. Ihm begegnet wieder die Flamme aus jungen Tagen - Maria Köstlinger als eine Schauspielerin knapp vor dem Altern. Sie hat das Mutterglück versäumt. Er dagegen ist der natürliche Vater von Felix und drängt ihm dieses Wissen auf. Er will sich vom Sohn spät holen, was er seiner anderen Geliebten versagt hat. Doch Absenger lässt ihn kühl abblitzen. Im Kostüm von Alan Hranitelj sieht der Leutnant aus wie aus einem Raumschiff gefallen. Marcus Bluhm als Professor Wegrat zeigt die Gebrochenheit eines beamteten Künstlers. Scheinbare Stabilität. Er verliert Frau und Tochter, aber gewinnt den Sohn ganz für sich. "Mehr Haltung, weniger Geist" sagt Sala dieser Jungherrengeneration nach. Einer der wenigen Augenblicke, in denen an diesem makellosen, doch kalten Abend gelacht wird.