• vom 30.11.2018, 15:30 Uhr

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Update: 03.12.2018, 08:22 Uhr

Kabarett

"Die Weißwurst muss dir freundlich gesinnt sein"




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Von Michael Ortner und Matthias Winterer

  • Der Kabarettist Gerhard Polt über Hitler, Kurz, den Pumuckl und die Lächerlichkeit des Menschen.

"Gott sei Dank hat der Mensch diese wunderbare Eigenschaft, dass er lächerlich sein kann."

"Gott sei Dank hat der Mensch diese wunderbare Eigenschaft, dass er lächerlich sein kann."© Moritz Ziegler "Gott sei Dank hat der Mensch diese wunderbare Eigenschaft, dass er lächerlich sein kann."© Moritz Ziegler

Wien. Gerhard Polt ist die Ruhe in Person. Er sitzt in der Lobby eines Wiener Hotels und sinniert minutenlang über die Weißwurst. Auch dem Wiener Schnitzel sei er nicht abgeneigt. Mit Wien verbindet ihn ein stoischer Onkel, der ihn als Kind sehr beeindruckte. "Dem war die Apokalypse wurscht." Kanzler Kurz empfiehlt er, Würstel zu verkaufen. Die "Wiener Zeitung" hat Polt vor seinen beiden Auftritten im Stadtsaal Wien getroffen.

"Wiener Zeitung": Sie sollen schon als Kind Weißwurstexperte gewesen sein.

Gerhard Polt: Stimmt

Was macht eine gute Weißwurst aus?

Die Weißwurst muss dir freundlich gesinnt sein. Sie muss dir, wenn du sie aufschneidest, ruhig, aber doch bestimmt, entgegenkommen. Die Weißwurst ist das große Geheimnis eines jeden Metzgers. Jeder macht seine Weißwurst ein bisschen anders. Darum sind sie auch verschieden, so wie auch Brezn verschieden sind. Und natürlich muss eine Weißwurst frisch sein.

Man sagt, eine Weißwurst darf das Zwölf-Uhr-Läuten nicht hören.

Das war früher so. Das stimmt seit der Zeitumstellung nicht mehr. Die Weißwurst weiß nichts von einer Sommerzeit.

Wir sind in der Stadt des Schnitzels. Schmeckt Ihnen das Wiener Schnitzel auch?

Sowieso. Das Wiener Schnitzel ist ein Stück Abendland.

Und was ist ein Stück Morgenland?

Ein guter türkischer Mokka.

Was verbinden Sie mit Wien?

Als Kind hatte ich in Wien den ominösen Onkel Otto. Der war ein Verwandter mütterlicherseits. Er hat mich an einen Truthahn erinnert. Ich weiß nicht warum, aber es war so. Er war für mich ein großer Mensch, weil er ein Stoiker war. Ich hatte immer das Gefühl, den kann nichts erschüttern. Er hat über Katastrophen geredet, als wären sie das Normalste auf der Welt. Wenn erzählt wurde, dass jemand gestorben ist, hat ihn das überhaupt nicht beeindruckt. Diese Haltung hat mich sehr beeindruckt.

Sie wirken auch relativ gelassen. Man sagt, die Österreicher wären den Bayern sehr ähnlich.

Ich kenne eigentlich nur den Herrn Huber und den Herrn Mayer. Der eine ist vielleicht zufällig Österreicher und der andere ist zufällig Bayer. Aber ich kenne den Bayer und den Österreicher nicht. Ich kenne Menschen in Österreich und ich kenne Menschen in Bayern.

Sie, Herr Polt, sind ein Mensch in Bayern. Sie sind im Wallfahrtsort Altötting aufgewachsen, dem wohl heiligsten Ort in Bayern. Sind Sie religiös?

Das kommt darauf an, wie man das Wort interpretiert. Das ist ein schwieriges Wort. Religare heißt "sich binden". Wenn ich sage, dass ein Mensch keine Religion im Leib hat, dann meine ich, dass der keinen Respekt hat. Insofern hoffe ich schon, dass ich religiös bin.

Gerhard Polt (76) zählt zu den bekanntesten Kabarettisten im deutschsprachigen Raum. Er hat in München und Göteborg Politik, Geschichte und Skandinavistik studiert. Seit mehr als 40 Jahren steht er auf der Bühne.

Gerhard Polt (76) zählt zu den bekanntesten Kabarettisten im deutschsprachigen Raum. Er hat in München und Göteborg Politik, Geschichte und Skandinavistik studiert. Seit mehr als 40 Jahren steht er auf der Bühne.© Moritz Ziegler Gerhard Polt (76) zählt zu den bekanntesten Kabarettisten im deutschsprachigen Raum. Er hat in München und Göteborg Politik, Geschichte und Skandinavistik studiert. Seit mehr als 40 Jahren steht er auf der Bühne.© Moritz Ziegler

Und wie wichtig ist diese Heimat für Sie?

Ich habe das einmal so auszudrücken versucht: Die Heimat der Salmonelle ist nicht ausschließlich der Mayonnaise-Salat.

In der österreichischen Politik wird der Begriff Heimat inflationär verwendet. Vor allem, seit der Koalition zwischen ÖVP und FPÖ. Was halten Sie von unserem Bundeskanzler?

So gut kenne ich ihn nicht. In der Schule hätten wir ihn vielleicht einen Streber genannt. Er wirkt wie so ein Klassenbester. So ein Schulsprecher. Ich habe in Neapel einmal einen Taxifahrer gefragt, was er vom Papst Ratzinger hält. Er hat gesagt "molto colto" also "sehr kultiviert". Das klang respektvoll, aber lieblos. Er hat Ratzinger für belesen gehalten. Aber diese Bildung hatte auf den Taxifahrer keinen Eindruck gemacht. Es gibt Menschen, die haben nie ein Gesicht bekommen. Da ist keine Biografie in ihrem Gesicht, keine Falten, kein bestimmter Ausdruck, der spannend ist. So ein Gesicht kann man nicht lesen. In das Gesicht von Kurz kann ich reinschauen, aber ich lese nicht viel. Vielleicht hätte er ein paar Mal in seinem Leben Würstel verkaufen sollen.

Aber die Leute wählen ihn. Der ÖVP geht es blendend. Die Landtagswahl in Bayern war für die CSU hingegen ein Debakel.

Das Debakel hat die CSU aber durch die Koalition mit den Freien Wählern wieder voll kompensiert. Sie hat im Endeffekt nichts verloren. Denn diese Freien Wähler haben die gleiche Einstellung wie die CSU.

Seit Sie auf der Welt sind, regiert die CSU. Können Sie sich ein Bayern ohne CSU überhaupt vorstellen?

Also in meinem Leben muss ich mir das nicht mehr vorstellen.

Anfang der 80er-Jahre war Bayern in Österreich vorwiegend der Pumuckl, der Monaco Franze und Sie. Was verbindet Sie mit den beiden?

Für Kinder ist der Pumuckl sehr inspirierend. So wie die Bücher von Astrid Lindgren. Es ist wunderbar, wenn Kinder frech sind. Wenn Kinder sich was erlauben können. Wenn sie anarchisch sind. Wenn sie widerspenstig sind. Wenn sie nicht gezähmt sind und auch nicht gezähmt werden. Und das ist beim Pumuckl so. Das sind Welten, die viele Erwachsene längst vergessen oder nie erlebt haben. Den Hans Clarin, der die Stimme vom Pumuckl gesprochen hat, kannte ich sehr gut. Den Meister Eder, also Gustl Bayrhammer, auch. Und Helmut Fischer, den Monaco Franze, mochte ich sowieso gerne. Den hat eine sehr ernste Dame im Bayerischen Rundfunk einmal gefragt, ob es sein kann, dass er seinen Durchbruch eher spät geschafft hat. Darauf hat er gesagt: "Was reden sie denn da? Ich habe 50 Jahre gebraucht, mich hat doch keine Sau gekannt." Dann hat sie gefragt, ob er manchmal auch schlechte Kritiken bekommen hat. Der Fischer: "Was reden sie denn da daher? Ich habe ja nur Verrisse gehabt. Nur Verrisse." Das war großartig.

Heute ist Bayern in Österreich vorwiegend die CSU, Hans Söllner und Sie. Sind Sie die letzten beiden bayerischen Rebellen?

Der Söllner ist sehr beachtlich, der hat was Anarchistisches. Der Achternbusch hat mal gesagt, in Bayern sind sechzig Prozent der Bevölkerung Anarchisten und die wählen CSU. Wir haben aber durchaus noch praktizierende Anarchisten. Berufsanarchisten auf der Bühne, wie den Georg Ringsgwandl. Ich habe aber schon das Gefühl, dass die Leute immer mehr alles brav hinnehmen. Alles ist so gedämpft, eine Art gedämpfte Gesellschaft, die leider Gottes die schillernden Farben und das Wilde verliert. Dass einer sagt "Ja Kruzifix", das fehlt zunehmend. Die Leute haben weniger "Goschn".

Ihr Humor speist sich oft aus spezifisch bairischen Ausdrücken. Sie sagen oft nur ein Wort, und der Saal brüllt. Empfinden Sie den bairischen Dialekt an sich als absurd-lustig?

Ich kann mich nicht über den Dialekt stellen. Ich kann meinen Dialekt nicht von außen beobachten, weil er eben meiner ist. Aber Dialekte sind ein Geschenk. Für jeden Menschen. Ganz egal, ob der neapolitanisch redet, oder göteborgisch. Der Dialekt ist immer eine Möglichkeit, mehr auszudrücken. Aber es gibt kein Österreichisch, es gibt auch kein Bairisch. Es gibt so viel unterschiedliche Varianten - soziale oder lokale Dialekte. Ein Bauer redet anders wie ein Handwerker oder ein Vertreter.

Im Wiener Dialekt gibt es Ausdrücke und Redewendungen, die für sich allein schon Geschichten erzählen und Bilder im Kopf malen. Zum Beispiel: "Der deckt sich mit einer Brücke zu" - bedeutet: Ein Wohnungsloser.

Das ist wunderbar. Man illustriert damit etwas, man baut Visionen. Das ist das Schöne am Dialekt. Nehmen wir das Wort geizig. Jeder weiß, was damit gemeint ist. Wenn ich aber sage, jemanden sitzt der Ruach im Gnack, dann wird der gesteuert, dann sitzt ihm jemand im Genick, der aufpasst, dass er nichts hergibt. Da kann man sich was vorstellen.

Die Vielfalt der Sprache scheint in Zeiten von Kurznachrichten und Chats abzunehmen. Dafür sollen 2017 weltweit 1,2 Billionen Fotos geschossen worden sein.

Das ist bestimmt so. Wir gehen im Bildermüll unter. Wenn ich eine Karte bekomme, dann geh ich zur Bruegel-Ausstellung ins Kunsthistorische Museum. Dort kann ich mir ein Bild eine Stunde lang ansehen. Das ist das Gegenteil vom Bildermüll, mit dem wir zugeschüttet werden. Es gibt Leute, die im Vatikan durch die Sixtinische Kapelle rennen und gar nicht mehr rauf schauen, sondern nur ihr Handy hinhalten. Das hat etwas Absurdes.

Ihre Spezialität ist der sympathische Bayer, gesellig und leutselig. Plötzlich sagt er etwas Radikales, das den Zuseher zusammenzucken lässt. Ist es wichtig, dass das Böse sympathisch ist?

Menschen, die mir von Haus aus unsympathisch sind, hör ich gar nicht zu. Wenn ich auf der Bühne einen reinen Unsympathen spielen würde, der unsympathische Sachen sagt, dann frage ich mich, wieso dem die Leute zuhören sollten. Das Gegenteil ist viel interessanter. Also, eine sympathische Person, die plötzlich unangenehm wird. Da beginnt man zu zweifeln, warum sie einen auf ihre Seite hat ziehen können. Du schämst dich richtig dafür und fragst dich, wann du dich traust zu widersprechen.

Der Hitler war in der Münchner Society in den 1920er-Jahren ja auch beliebt. Der ist im Kaffeehaus gehockt wie alle anderen Leute auch. Den hat man gekannt. München war ja nicht so riesig. Bei dem einen hat er seine Milch geholt, bei dem anderen hat er eingekauft. Und die Frau Hanfstaengl (Frau des Verleger Ernst Hanfstaengl) hat ihm Butterbrote geschmiert. Der Schriftsteller Oskar Maria Graf beschreibt in seinem Buch "Gelächter von außen", wie er Hitler getroffen hat. Hitler hat ihm die Ohrwascheln vollgerasselt, dass er ein "Volksschriftsteller sei, der sehr gut für das Volk" (Polt macht Hitler nach) sei. Graf ist dagesessen und wollte eigentlich nur seine Schmalznudeln essen und hat nur "aha" gesagt. Hitler hat sich immer weiter in sein Stakkato hineingesteigert. Das ist eine wunderbare Geschichte.

In Ihren Sketchen "Mai Ling" oder "Herr Tschabobo" geht es um den Umgang mit dem Fremden. Ein Thema, das Sie über die Jahre begleitet?

Der Umgang mit Fremden hat oft etwas Komisches. Die Angst und die Unsicherheit spiegeln sich in den komischen Umgangsformen mit Fremden. Auch die Angst, einen Fehler zu machen. Gott sei Dank hat der Mensch diese wunderbare Eigenschaft, dass er lächerlich sein kann. Das macht auch Unsympathen wieder etwas denkbarer. Ich habe einmal in einem mexikanischen Lokal den "Spieß Huitzilopochtli" gegessen, das war ein Aztekengott. Ich habe das Essen probiert und es schmeckte einfach grauslich. Ich habe es nicht hinuntergebracht. Vorsichtig habe ich den Kellner gefragt, wie das gewürzt ist. Der hat gleich geschrien: "Haben sie das gegessen? Unser Kühlschrank ist seit drei Tagen kaputt." Dann bin halt aufs Klo Speiben gegangen. Ich will damit sagen, mein Misstrauen war in diesem Fall günstig, aber ich war vorsichtig, weil ich gewusst habe, es könnte ja auch sein, dass ich der Banause bin.

Sie spielten einmal mit großer Leidenschaft einen Bootsvermieter am Schliersee. Wären Sie lieber Bootvermieter, als gefeierter Kabarettist?

Als ich ein Kind war, gab es am Schliersee einen Bootsverleiher. Der hat großen Eindruck auf mich gemacht, weil er für mich die Souveränität in Person war. Der war unabhängig, der hat Zeitung gelesen. Und wenn jemand während seiner Brotzeit ein Boot ausleihen wollte, hat er einfach keins bekommen. Diese Souveränität, mit der er diese Leute behandelt hat, hat mich sehr fasziniert.

Den Bootsverleiher gab es also wirklich. Woher nehmen Sie ihre Ideen?

Jede Idee hat eine Geschichte. Das berühmte "Es fällt einem was zu". Wenn ich rausgehe, treffe ich meistens Menschen, in der U-Bahn genauso wie in der Kirche oder in einem öffentlichen Pissoir. Dort sehe und höre ich sie und werde stimuliert. Der Mensch ist sehr anregend.

Sie waren mit "Fast wia im richtigen Leben" und ihren Filmen vor allem in den 1980er-Jahren im Fernsehen sehr präsent. Heute sind Sie fast nur noch auf der Bühne zu sehen. Ist Ihnen die Bühne lieber als das Medium Fernsehen?

Es ist ein Urerlebnis, auf der Bühne zu stehen. Film ist in gewisser Weise komplizierter. Es ist schwer zu vergleichen. Auf der Bühne bist du im Moment sehr präsent. Der Film ist eher ein stückweises Herstellen von Bildern, die später geschnitten werden.

Haben Sie noch Lampenfieber?

Ja, ein bisschen schon. Das hat mit meiner Religion zu tun, mit Respekt.

Respekt vor dem Publikum?

Ja, ich stehe auf der Bühne, weil ich überzeugt bin, dass die Geschichte erzählbar ist und ich sie erzählen will. Weil ich an die Geschichte glaube. Aber davon muss ich die Leute erst überzeugen. Und es ist nicht sicher, dass sie sich überzeugen lassen. Diese Unsicherheit bleibt, egal wie lange ich das schon mache. Ich bin froh, dass es so ist. Ich würde viel vermissen, wenn ich diese Angst nicht mehr hätte.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-29 13:13:08
Letzte Änderung am 2018-12-03 08:22:50


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