Die Eigenheiten der Wiener Kammeroper machen sich schon im Foyer bemerkbar. Die Mantelabgeber dürfen sich hier nicht in einer Linie aufreihen. Die knappen Raumressourcen zwingen die Schlange zu einem 180-Grad-Knick. Wer dies nicht beherzigt, wird vom Garderobier in Kenntnis gesetzt.

Nun könnte man meinen, das Haus würde auch sein Repertoire entsprechend wählen und Stücke ansetzen, die für diese Verhältnisse ersonnen wurden - nämlich Kammeropern. Dem ist aber nicht so. Die Bühne am Fleischmarkt, geleitet vom Theater an der Wien, tischt gern Pasticcios aus eigener Küche auf oder fischt im Teich der großen Opernhits, um diese auf Goldfischgröße zu schrumpfen. Das kann zwar, wie im Fall der Jazz-"Carmen", einiges Vergnügen zeitigen und wohl auch erfreuliche Besucherzahlen. Spätestens bei Verdis "Don Carlos" hört sich der Spaß aber auf: Diese Grand opéra lebt von ihrer szenischen, melodiösen und klanglichen Überfülle.

Musiziert von einem Zwölf-Mann-Orchester, klingt sie wie aus einem Transistorradio geplärrt. Das ist zwar immer noch besser als eine Bach-Toccata auf der Bontempi-Orgel. Der Trend zur Nichtigkeit wird aber noch von einer Regie gefördert, die sich darauf beschränkt, gut gekleidete Menschen in einem kargen Salon singen zu lassen. Das Gute an diesen drei Stunden Großöperchen sind die Sänger: Andrew Owens besitzt Tenorschmelz und Metallinbrunst, Kristján Jóhannesson einen Kraftbariton nicht ohne Feinsinn, Tatiana Kuryatnikova einen erdigen Charaktermezzo und Jenna Siladie einen grazilen Sopran. Ihnen allen wäre ein echter Opernabend zu wünschen. Dem Publikum auch.