Wien. "Es war kein Spaziergang", resümiert Erwin Piplits die Gründung des Odeons im Jahr 1988 und seine drei Jahrzehnte währende Laufbahn als Impresario und Theatermacher. "Aber ich habe es bewältigt, ich bin immer noch da und mache wirklich freies Theater."

Begonnen hat das Abenteuer Theater für Piplits in den 1960er Jahre bei den Komödianten. Die Theaterformation unter Conny Hannes Meyer zählte in jenen Jahren zur Speerspitze des freien Theaters in Wien. Mit selbst entwickelten und damals äußerst provokanten Stücken wie "Hamlet in Mauthausen" sorgte die Truppe für Furore. Zum institutionalisierten Theaterbetrieb behielt Piplits stets eine gewisse Distanz: "Mir Wichtiges war dort völlig gleichgültig und das, was mir etwas bedeutete, war dort nicht zu finden", hielt er in der von ihm verfassten "Serapions Fabel" fest, einem Bildband zur Geschichte seiner Theaterformation, 2013 im Eigenverlag erschienen.

Anfang der 1970er Jahre lernte Piplits die Künstlerin und Bühnenbildnerin Ulrike Kaufmann kennen - es war der Beginn einer lebenslangen Verbindung, privat und künstlerisch. Gemeinsam gründeten sie das Puppentheater "Pupodrom". Mit kunstfertig gestalteten Figuren und anspruchsvollen Stücken betraten sie damals hierzulande absolutes Neuland.

Nach Wanderjahren bezogen sie schließlich ein leer stehendes Kellerkino am Wallensteinplatz. Gastspiele im In- und Ausland folgten, aber in Wien blieben sie einstweilen noch ein Geheimtipp.

Das Serapionistische Prinzip

Nach und nach formierte sich ein Ensemble, Schauspieler wie Karl Markovics und Karl Ferdinand Kratzl legten hier den Grundstein ihrer Laufbahn. Der Name Serapions Theater wurde in Anlehnung an E.T.A. Hoffmanns "Serapionistisches Prinzip" gewählt. Dabei gilt es, ein inneres Bild, einen seelischen Zustand mit den Mitteln der Poesie für die Außenwelt zu visualisieren. Diese etwas mystische Herangehensweise umreißt ganz gut Ansatz und Anspruch der Truppe. Laut Piplits gehe es um eine "visuelle szenische Poesie". Nach einem groß angelegten Projekt mit den Wiener Festwochen, "Anima", 1986, wollte man sich nicht mehr mit Kellertheater-Dimensionen zufriedengeben. Ein neuer Theaterraum wurde gesucht und in der Taborstraße gefunden. Mit enormem persönlichem Einsatz und privaten Mitteln wurde die seit Kriegsende leer stehende Brandruine der ehemaligen landwirtschaftlichen Börse revitalisiert. So nahm das heutige Odeon, wohl eine der schönsten Off-Bühnen Wiens, unter der Führung von Kaufmann und Piplits Gestalt an.

Ausgangspunkt vieler Aufführungen waren in Vergessenheit geratene Texte, häufig aus anderen Kulturen. Die kommende Premiere "Der Freie, der Dieb, der Boss und das Urteil" wird sich im Februar 2019 etwa mit der Maat, der 4000 Jahre alten ägyptischen Weltordnung, auseinandersetzen.

Stilistisch entwickelte sich die Formation vom reinen Puppenspiel über das Spiel mit Masken hin zu hybriden Spielformen zwischen Tanz- und Bewegungstheater. Stilprägend für Odeon-Aufführungen war stets die Ausstattung von Ulrike Kaufmann, die sich Trends und Moden widersetzte. Die Bühnenbilder und Kostüme der 2014 verstorbenen Künstlerin waren sagenhaft. Ihr zu Ehren hat Piplits nun den prächtigen Bildband "Ulrike Kaufmann. Lebenswerk" herausgegeben.

Aus der Zeit gefallen

Mit optischer Opulenz und verspielter Szenerie nahm das Odeon in der Wiener Theaterlandschaft einst eine Avantgardeposition ein, mittlerweile wirkt die Truppe jedoch eher antiquiert. Seitens der Subventionsgeber gab es in den vergangenen Jahren daher wiederholt Bestrebungen, Einfluss auf die Spielstätte im zweiten Bezirk zu nehmen. Der streitbare Theatermacher vermochte diese Versuche abzuschmettern: "Ich hab’s ausgehalten", so Piplits bei der Jubiläums-Pressekonferenz. "Ich habe mich gewehrt." Das Budget ist jedoch konstant geschrumpft.

Über die nach wie vor offene Zukunft der Bühne sagt der 79-Jährige abschließend: "Darüber entscheidet allein der Theaterverein Odeon. Im Jänner haben wir eine Generalversammlung." Nachsatz: "Das Odeon bleibt eine freie Initiative von Kunstschaffenden - oder es gibt kein Odeon mehr."