"Die ganze Wirklichkeit ist in Wirklichkeit nicht so wirklich fesch", heißt es treffend in Werner Schwabs "Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos". Und fesch sind auch die Puppen nicht, denen Nikolaus Habjan in seiner Fassung des Stücks im Akademietheater das Schwabsche Elend antut. Da gibt es einmal die Frau Wurm, die mit ihrem klumpfußigen Sohn Hermann, den sie so unherzlich liebt, dass er davon träumt, auf ihr Grab zu urinieren. Also, mit ihr drin. Als Missbrauchsopfer fällt ihm auch groteske sexuelle Gewalt ein, die er dem toten Mutterkörper noch antun wollen würde, wenn es denn endlich soweit wäre. Erst einmal begnügt er sich damit, beherzt in ihren einzigen Luxus, ihre Topfpflanzen, zu brunzen. Habjan selbst spielt den Hermann als einzige Figur, die einem ein wenig Erbarmen abringt. Dorothee Hartinger verschmilzt mit der kittelbeschürzten Frau Wurm, die sie so anlegt, dass ihr katholisch-brutaler Bußpragmatismus eine ziemliche Selbstverständlichkeit hat.

Kasperl-Krokodil-Rollentausch

Noch ein bisschen mehr als einander hassen die Wurms die Nachbarfamilie Kovacic. Und das beruht natürlich auf Gegenseitigkeit. Während in der Wurmschen Wohnung lediglich eine beige Kredenz und eine beige Kücheneckbank dahinvegetieren, sitzen die Kovacics auf ihrer neuen Couch wie die pervertierte Version der XXX-Lutz-Familie. Die Töchter sind ein wenig blöd, aber genauso pink und animalprint-gestylt wie ihre Mutter. Ihre Sexualität ist klar gewertet: eine riecht im Schritt nach Fisch, die andere nach Mozartkugel. Ihr Vater - mit säuselndem Dialekt von Sarah Viktoria Frick belebt - macht da keinen Unterschied, er vergeht sich an ihnen beiden. Seine Frau (Alexandra Henkel) ist in der Not devot, steckt Schläge mit der Bierflasche weg wie das Krokodil im Kasperltheater.

Noch größer ist der Hass nur bei der über all diesem Zinshaus-Plebs thronenden Frau Grollfeuer (Barbara Petritsch). Deswegen lädt sie ihre Nachbarn zu einer fingierten Geburtstagsjause, wo sie die Wurms und Kovacics aus schimmernd-bunten Schierlingspappbechern vergiftet. Der Hermann, für den sie etwas übrig hat, kriegt die größte Dosis, damit er nicht lang leiden muss. Wie man es halt so macht bei seinen Lieblingshaustieren. Als Mischung aus Salondame und alterndem Hollywoodstar (das vermittelt vor allem die riesige Projektion ihres Gesichts mit sorgsam gelegten weißen Dauerwellen auf dem Vorhang während der Szenenwechsel) vernichtet sie, Wodkaflasche anbei, den spießigen, degenerierten Mittelstand. Den sprechenden Namen Grollfeuer inszeniert Habjan nicht ohne Witz mit Konfettikanonen, die immer ejakulieren, wenn Grollfeuer auf ihre Opfer einschlägt.

Lebende Verwesung

Die Puppen eignen sich für Schwabs Text ausgesprochen gut. Die Figuren (gestaltet von Habjan und Marianne Meinl) sind außen so hässlich wie innen - Hermanns Gesicht sieht etwa aus wie Prügelmus, Frau Kovacic wie eine verweste Pamela Anderson. Die künstliche Sprache Schwabs, in der sich Lebenswünsche und Leberwürste gleichwertig treffen, bohrt sich aus dem Mund dieser monsterhaften Menschenimitate noch stärker in den Magen. Gleichzeitig bekommen bösartig-witzige Momente eine nahbare Ebene. Die Bühne von Jakob Brossmann sperrt die Puppenspieler in eine Plastikblase, die die Frau Grollfeuer erst betritt, nachdem sie sich der liederlichen Last entledigt hat - ein beeindruckendes Bild, das aber nicht bis zur letzten Konsequenz schlüssig bleibt. Kyrre Kvams Musik gaukelt fortwährend Harmlosigkeit vor, ein schöner Kontrast zum barbarischen Bühnenvorgehen. Eine ungünstige Folge der bestechenden Präsenz der Puppen: Der Endmonolog der Grollfeuer kann show-effekttechnisch trotz der starken Barbara Petritsch nicht mithalten. Sie ist, weil ohne Puppe, der einzig "echte Mensch" - eine trügerische Symbolik.