• vom 03.12.2018, 14:14 Uhr

Bühne

Update: 03.12.2018, 14:44 Uhr

Theaterkritik

Leise rieselt der Schmäh in der Weihnachtskomödie




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Von Christina Böck

  • Barbara Frey inszeniert die Weihnachtskomödie "Schöne Bescherungen" gar matt an der Burg.

Spaß mit Kleidung: Michael Maertens mit Kinderschürze, Nicholas Ofczarek mit Werkzeuggürtel über Strickware. Humordetails einer Weihnachtsentgleisung.

Spaß mit Kleidung: Michael Maertens mit Kinderschürze, Nicholas Ofczarek mit Werkzeuggürtel über Strickware. Humordetails einer Weihnachtsentgleisung.© Reinhard Werner Spaß mit Kleidung: Michael Maertens mit Kinderschürze, Nicholas Ofczarek mit Werkzeuggürtel über Strickware. Humordetails einer Weihnachtsentgleisung.© Reinhard Werner

Der Baum steht. Immerhin. Gut, seine Spitze ist sich nicht ganz ausgegangen. Deswegen ist er oben ein bisschen reingequetscht in das Wohnzimmer. In diesem britischen Mittelstandshäuschen, das auf der Burgtheaterbühne (von Bettina Meyer) trügerisch gemütlich mitsamt hyggeligem Fenster-Leuchtkranz aus der aktuellen Ikea-Adventkollektion ausgestattet wurde. Schon ein erster Hinweis, dass Regisseurin Barbara Frey mit "Schöne Bescherungen" von Alan Ayckbourn einem eher konventionell eingestellten Publikum zu Weihnachten etwas schenkt: die Inszenierung eines Lustspiels, die eher der klassischen Tradition und weniger der dekonstruktivistischen Zermerscherung zugetan ist.

Es geht eh schon so genug kaputt an diesen Feiertagen. Zum Beispiel die an sich schon etwa angeschlagene Ehe von Belinda (changiert zwischen Resignation und Mädchenhaftigkeit: Katharina Lorenz) und Neville (Nicholas Ofczarek). Sie fühlt sich von ihm vernachlässigt, weil er meistens in seinem Schuppen an irgendetwas herumschraubt. Und bekanntlich ist was immer eine gute Idee, wenn es ohnehin schon kriselt? Die verhaltensauffällige Familie einzuladen.

Information

Theater

Schöne Bescherungen

Burgtheater

Wh.: 7., 16., 25. Dezember

Puppen-Panik

In der Küche betrinkt sich Phyllis (Maria Happel) und überlebt die Kocherei trotz einiger Arbeitsunfälle doch besser als das Lamm. Ihr Mann Bernard (Michael Maertens) steht ihr mit Verbandszeug bei und ist vor allem mit den schreckgeweiteten Augen der anderen konfrontiert, wenn er erzählt, dass er auch heuer sein übliches Puppentheater aufführt. Verständliche Panik, immerhin bekam im Vorjahr bei "Ali Baba" jeder der 40 Räuber seinen eigenen Auftritt. Zehn Minuten lang. Eddie (mit angespanntem Laissez-faire: Tino Hillebrand) und seine Frau Pattie (erschöpft-genervt: Marie-Louise Stockinger) sind auch da und vor allem damit beschäftigt, einander anzuschreien. Eddie scheint schon jetzt die Lust am Familienvatersein verloren zu haben - blöd nur, dass in Patties Bauch schon das nächste Kind schwer wartet.

Belindas Schwester Rachel (vielschichtig frustriert: Dörte Lyssewski) wiederum hat ihren Schwarm eingeladen, den Schriftsteller Clive (rechtschaffen überfordert mit der gruppendynamischen Überrumpelung: Fabian Krüger). An dem findet Belinda mehr Gefallen, als sie sollte. Dazwischen grantelt Onkel Harvey herum, der für Gendergerechtigkeit unterm Christbaum sorgt und den Mädchen statt Püppchen Gewehre schenkt. In dieser Rolle brilliert Falk Rockstroh, der die Komik der Brutalität famos herausarbeitet, allein schon wenn er eine getigerte Diddlmaus (zu Recht) massakriert). Das Trio Infernal der jüngeren Burgtheaterkomödien-Geschichte, Maria Happel, Michael Maertens und Nicholas Ofczarek, darf seine komödiantische Amplitude diesmal nur verhalten ausfahren.

Schwule Lokführer

Maertens bringt das Publikum immerhin beim Klopapierrollenpuppen-Theater-Irrsinn zum Wiehern, Ofczarek legt seinen Neville sehr subtil an. Dafür setzt die Regie (erfolgreich) auf die komische Wirkung seines Äußeren in spießigem Strickcardigan mit Werkzeuggürtel drüber. Happel hat in ihrer Rolle nur wenige Chancen, zu glänzen, außer wenn sie über schwule Lokführer philosophiert. Ayckbourns Stück macht es mit seinem Chaos einem vorweihnachtlich gestimmten Publikum leicht, sich zumindest in irgendeinem Detail wiederzufinden. Barbara Frey ist der Versuch, die übliche Klamaukschiene zu fahren, widerstanden. Leider mangelt es dem Abend dann doch ein wenig an dynamischer Dringlichkeit und Humorwucht. Die Inszenierung mit liebevoller Ausstattung und Star-Ensemble wirkt quasi wie ein glanzvoll verpacktes Geschenk, in dem ein Spielzeug liegt, bei dem die Batterien fehlen.





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Dokument erstellt am 2018-12-03 14:25:55
Letzte Änderung am 2018-12-03 14:44:05



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