Mehr St. Pauli als Prater: (v. l.) Tim Breyvogel, Wiltrud Schreiner. - © Alexi Pelekanos
Mehr St. Pauli als Prater: (v. l.) Tim Breyvogel, Wiltrud Schreiner. - © Alexi Pelekanos

"Liliom", eine Koproduktion des NÖ Landestheaters mit dem Stadttheater Bozen, verkümmert in ideologisch gebundenen Regiehänden. Keine Gnade gönnt Rudolf Frey dem Frauen-den-Kopf-Verdreher und Lebensversager "Liliom": Er staffiert ihn zur schrägen Disco-Figur aus, eher St. Pauli als Prater. Dazu Tim Breyvogels kalter, toter Blick. Dieser Westernheldentyp schwindelt sich als werdender Vater am spielentscheidenden Kipppunkt vorbei. Gunst versagt Frey dem Publikum, wenn es auf die wundersamste aller Szenen des Vielschreibers Franz Molnár vergebens wartet. Denn sie wird vom untoten Hutschenschleuderer, neben Witwe und Tochter sitzend, bloß nacherzählt.

Nach Selbstmord und 16 Jahren Bußfeuer schickt Molnárs Jenseitsbürokratie Liliom kurz auf die Erde, um ihm erstmals seine Tochter Luise zu zeigen. Wieder macht dieser Lebenspatsch einen Fehler, als Luise den Stern nicht ergreift, den er für sie im Himmel gegrapscht hat: Er schlägt ihr auf die Hand. Luise hört den Klatsch, spürt aber nichts und wundert sich. Die Mutter (Hanna Binder): "Es ist möglich, mein Kind, dass einen jemand schlägt, und es tut gar nicht weh." Mit politischer Korrektheit muss ihr jetzt die junge Frauengeneration (Gemma Vannuzzi) mit Freys Worten widersprechen: "Ich glaube nicht, dass jemand jemanden schlägt - und es tut gar nicht weh."

Rummelplatzseligkeit

Nur Klemens Lendl und David Müller - das Duo "Die Strottern" - retten mit sirrenden, zirpenden Tönen von Geige, Gitarre, Drehleier ein wenig vom seit über 100 Jahren wirksamen Unschlüsssigkeits-Zauber des Originals: Soll Liliom verdammt sein oder darf ihm verziehen werden? Widerstehen die tiefen Gefühlswahrheiten dem Kitsch? Lendl und Müller treten als Polizisten auf Erden schon im Kostüm der Himmelsboten auf und reden schönstes Wiener Pülcherdeutsch.

Liliom und Julie sollten sich zufällig am Karussell entdecken. Die gewisse Liebe auf den ersten Blick. Frey stellt sie jedoch vorab als Gesangsduo vor - mit "Ich bin müde" von Rio Reiser ("Ich bin ein Teufel, du bist ein Gott"). Später wird "Bonny and Clyde" angespielt und Lee Marvins "I was born under a wandrin’ star". Ihre Verliebtheit treibt Julie in einen akrobatischen Showdance. Ein reifer Teenager. Wie auch Freundin Marie (Josephine Bloéb) und die Ringelspielb’sitzerin (Patrizia Pfeifer) ist sie von Aleksandra Kica in überteures Boutiquentuch gekleidet. Vincent Mesnaritsch beweist sein Malerauge im feinen Farbstreifenspiel einer Guckkastenbühne, auf der ein Riesenbraunbär mit Luftballon spazieren geht. Hübsch unheimliche Rummelplatzseligkeit.

Doch Molnárs mitleidiges Spiel vom versagten Kleineleuteglück ist entkernt wie ein Stilhaus, von dem nur mehr Außenmauern stehen.