Naheliegend, dass die Volksoper im ausgehenden Leonard-Bernstein-Jahr dem musikalischen Tausendsassa mit einem seiner Musicals Tribut zollt. Mit "Wonderful Town" griff man zwar nicht zum Blockbuster aus der Bernstein-Schublade, aber immerhin zu einem Musical mit besonderem Bezug zur Volksoper. 1956 wurde es hier erstmals in deutscher Sprache aufgeführt, danach verschwand es von der Bildfläche. Bis zum vorigen Sonntag. Die Neuinszenierung von Matthias Davis bemüht sich redlich, der Geschichte aus einem New York der Vergangenheit gerecht zu werden - zeigt aber auch, dass sich der Staub der Jahrzehnte nur schwer aufwirbeln lässt.

Musikalisch ist "Wonderful Town" faltenfrei geblieben: Bernstein beschwört das brodelnde Flair der 30er Jahre mit einem Kaleidoskop, das sanfte L’Amour-Hatscher ebenso aufblitzen lässt wie Swing und rumorende Conga. Mit leichtem, präzisem Taktstock führt James Holmes das Orchester über die Straßen des Greenwich Village und hinein in die Nachtclubs, die Melissa King mit beschwingten Ensemble-Choreografien belebt. Besonders eigenwilligen Glanz verleiht der Mezzosopran von Volksopern-Debütantin Sarah Schütz der Partie der Ruth, die passagenweise bis ins Tenorregister reicht, in dem sie dann mit Bühnenpartner Drew Sarich brilliert.

Daneben bleibt die biedere Inszenierung zwar einige Facetten schuldig; angesichts des Persiflagenhaften, das dem Musical innewohnt, ist das aber gar nicht so verkehrt. Die Eindimensionalität der Charaktere dient der selbstironischen Überzeichnung - vom konstant schmierigen Zeitungsmacho Chick Clark (Christian Graf) bis zum verklemmten Streber Frank Lippencott (Oliver Liebl). Bei all dem aufgesetzten Großstadt-Wahnsinn kommen die Sherwood-Schwestern Ruth (Sarah Schütz) und Eileen (Olivia Delauré) aus Ohio, die in der "wundervollen Stadt" New York ihr Glück suchen, umso authentischer daher. Lediglich bei Robert Baker (Drew Sarich) scheint die Regie keine klare Entscheidung gefällt zu haben - er wirkt weder schmierig noch besonders authentisch, aber jedenfalls sympathisch.

Nicht jede Spitze sticht

Gerade durch die überspitzte Darstellung und das abstrakte, düstere Bühnenbild (Mathias Fischer-Dieskau) klingen immer wieder auch gesellschaftskritischere Töne an. Die Rolle der Ruth als intelligente, selbständige, gehaltvoll witzige Frau war für das Rollenbild der 50er durchaus progressiv - insbesondere in kritischer Abgrenzung zu ihrer Schwester Eileen, die als naiver Everybody’s Darling zum Universal-Aphrodisiakum für alle Männer in ihrer Reichweite wird.

Doch nicht jede Pointe glückt, nicht jede Spitze sticht. Und nicht alles, was in den 50ern als progressiv galt, wird dem Zeitgeist im Jahr 2018 noch gerecht. Während Ruth zu Beginn noch ironisch davon singt, dass ihr Witz und ihr Selbstbewusstsein die Männer in die Flucht schlagen, und damit eine elaborierte Bilanz in Sachen Geschlechterstereotype zieht, wirkt die Ballade "Ein stilles Girl" deutlich zu ernsthaft, weil sich Robert Baker mit sehnsuchtsvollem Blick und selbstmitleidiger Attitüde genau das wünscht: endlich mal ein "stilles Girl". Weil die resoluten ja auch immer so viel zurückreden.

Natürlich kann man nicht verlangen, aus einer Komödie aus den 50ern, die in den 30ern spielt, eine gesellschaftskritische Satire auf das 21. Jahrhundert zu machen. Indem die Volksoper jedoch vor allem auf Werktreue setzt, lässt sie sich Anknüpfungspunkte an aktuelle Debatten entgehen, die vielleicht helfen würden, einiges an Staub auszubeuteln.

Musical

Wonderful Town

Wh.: 13. und 18. Dezember

Mit Sarah Schütz, Drew Sarich
u. a.; www.volksoper.at