Seit den 1990er Jahren kursiert das Schlagwort postdramatisches Theater - bei dem es mehr um performatives Erzählen denn um Wiedergabe eines vorgefertigten Stücks geht. Theaterkollektive aus der freien Szene haben seitdem dieses Spielfeld erkundetet. In England erprobte Tim Etchels mit "Forced Entertainment" neue Formen des Storytellings, in Deutschland beschritten Formationen wie She She Pop neues Terrain.

Hierzulande ist die Steiermark so etwas wie die Keimzelle der kollektiven Stückentwicklung - neben dem Grazer Theater im Bahnhof hat sich das weibliche Performance-Kollektiv Rabtaldirndln in die vorderste Reihe gespielt. "Du gingst fort", ein eingängiges Stück über Stadt-Land-Flucht gehört etwa zu ihren großen Erfolgen, mit Gastspielen von Sri Lanka bis Oberzeiring.

Zum 15-Jahr-Jubiläum greift die Truppe nun ein Thema auf, dass sie seit der Gründung beschäftigt: "Böse Frauen" setzt sich mit den Pflegerinnen aus Lainz auseinander, die in den 1980er Jahren Patienten ermordeten. Gudrun Maier, Barbara Carli und Rosa Degen-Faschinger sprachen mit der "Wiener Zeitung" über die Faszination des Bösen.

"Wiener Zeitung": Was interessiert Sie so hartnäckig an dem Fall der Lainzer Mordschwestern?

Gudrun Maier: Wir kannten den Fall seit unserer Jugend, die Frauen galten ja als das personifizierte Böse.

Rosa Degen-Faschinger: Idealerweise sollten Frauen schön, lieb, nett sein, wir interessieren uns mehr für die dunkle Seite.

Barbara Carli: Das Böse liefert einfach die besseren Geschichten. Eine gewisse rabiate Energie war von Anfang an wie ein Steigbügel für unsere Arbeit.

Wie äußert sich das?

Carli: Indem wir beispielsweise auf Werbefotos nie lächeln oder typisch weiblich konnotierte Verhaltensweisen an den Tag legen.

Maier: Uns wird auch regelmäßig vorgeworfen, dass wir immer so grantig dreinschauen und breitbeinig dastehen.

Sie treten am Land und in der Stadt auf. Wird Ihre Arbeit unterschiedlich aufgenommen?

Carli: Unsere Direktheit begeistert oder verstört Leute da wie dort, da ist kein Unterschied.

Maier: Die Darstellungsweise wird schon verschieden rezipiert. Am Land haben Zuseher größere Probleme damit, wenn wir wenig bekleidet auf der Bühne agieren, da fühlen sich manche regelrecht persönlich angegriffen.

Beschäftigt Sie in der aktuellen Theaterarbeit "Böse Frauen" auch die Frage, wie wir sterben?

Degen-Faschinger: Vielmehr geht es um die Frage: Wie werden wir leben, wenn wir alt und schwer krank sind. Dieses Thema zieht sich durch den gesamten Theaterabend. Für uns persönlich gibt’s ja die Idee, dass die Rabtaldirndln vielleicht einmal eine Alten-WG gründen und gemeinsam alt werden.

Carli: Unser ganzes Leben verläuft selbstbestimmt, da stellt sich schon die Frage, warum wir nicht auch über unseren Tod selbst bestimmen können.

Maier: Diese Fragen werden in "Böse Frauen" gestellt, aber wie in jedem guten Theaterstück liefern wir keine Antworten.