Michael Dangl in der Rolle des Fortunatus Wurzel. - © apa/H. Neubauer
Michael Dangl in der Rolle des Fortunatus Wurzel. - © apa/H. Neubauer

Geisterparade schon mitten unter den einströmenden Zuschauern, ehe der Josefstädter Entschwebeluster erlischt. Hier ein Herr in Schwarz unter überhohem Zylinder, dort ein Hase wie ein Clown im weißen Overall mit Karotte als Bijou. Der Bühnenvorhang ist einen Spalt breit hochgezogen, da muss auch ein Geist sich flachlegen wie ein Toter, um auf die Bühne durchzuschlüpfen. Zu Windmaschine, Donnerblech, Illusionsapparatur. Die Pantomime beschleunigt sich. Gehüpft, gealbert, getanzt wird zur originalen Bühnenmusik von Joseph Drechsler aus 1826 (Dirigent: Jürgen Goriup). Bis die reumütige Fee Lacrimosa (Alexandra Krismer) im Sessel eines Kettenkarussells aus dem Schnürboden schwebt und ihren dreimal komplizierten Plan zur Rettung ihrer Tochter vorträgt.

Fände der Bauer Fortunatus Wurzel, vom Neid zum Millionär gemacht, auf den Pfad der Bescheidenheit zurück, dürfte endlich ihr Lottchen den armen Fischer Karl heiraten. Den Wurzelholzbauern durch ein jähes Aging-Programm weichzukriegen, genügt indes nicht. Hass und Neid verblenden jetzt auch den durch Reichtum verführten Karl. Wiederum müssen gute Geister einspringen.

Klug weitergedacht

Im allgemeinen Schlussjubel, dem sich lang und laut das Publikum anschließt, steht die Allegorie der Zufriedenheit bescheiden abseits. Dabei hat sie Ferdinand Raimund als Zentrum inthronisiert. Josef E. Köpplinger, Staatsintendant am Münchner Gärtnerplatz, denkt Raimund klug weiter. Ohne den Charme der scheinbaren Naivität zu vertreiben, inszeniert er die Figuren als Ideologieträger im Bogen zwischen Tugendhaft und Böse, Unvernünftig und Vernünftig. Die große Ansage im Programmheft hält. Dem Gedenken an den im Mai verstorbenen Präsidenten der Raimundgesellschaft Heinrich Kraus ist dieser "Bauer als Millionär" gewidmet. Auch Köpplinger und sein exzellentes Ensemble bewahren nicht Asche, sondern Glut. Dank vieler Personen- und Textstriche verkünden sich die Botschaften dieser multiplen Besserungs-, zugleich Aufklärungsaktion kantig und direkt. Verheißt der Geisterchor "in weiten Fernen das Tal der Ruhe", singt er den Hymnus schwarz gewandet mit Zylindern wie im Logenheim.

Keine Bauernhütte steht im stillen Tal. Ein Landschaftsbild von Gauermann genügt. Walter Vogelweider setzt auf sein Bühnengerüst die Leuchtschrift "Geisterreich". Zwischendurch strahlen nur die Teilmengen "geist", "reich","erreich" (ein Imperativ!). Ein luzides Nein zu pastellfarbenem Kulissenkitsch, und ein pfiffiger Wackelkontakt zwischen Ober- und Menschenwelt. Retortengezeugter Schiller auf vielen Kostümen Alfred Mayerhofers. Nur nicht bei den kurzen Hosen des quirligen Alexander Pschill als schwäbelndes Ajaxerle. Scharf in Kontur und Ton Johannes Sailern als Lakai Habakuk. Das richtig starke Gegenüber für den reichen Prasser.

Michael Dangl zeigt Fortunatus Wurzel rundum mit Untugend bespickt, dabei menschlich nahe, die Brechstange des Volksschauspielers in Watte gepackt auch in den großen Momenten aus dem Kanon des österreichischen Theaters - Auftrittslied, sekundenschnelle Vergreisung, Aschenlied. Jede tagesaktuelle Zusatzstrophe kann hier nur stören; danke für den Verzicht. Dangls schwarzer Wuschelkopf mit Schnauzer, die Stimme aus dem Bauch, steigert die Saufbrüderszenen zu wahren Milieubildern. Theresa Dax reicht als strahlende Jugend ihren Probanden weiter zu Wolfgang Hübsch. Der ist 79, doch einen Finger durch’s Haar gezogen und die Zunge an die Zähne gepresst ist er 99. Nicht der einzige Szenenapplaus an diesem Abend.

Auch für Junge

"Was reden sie für eine schöne Sprache", rätselt Wurzel, die Fee Zufriedenheit erblickend. Julia Stemberger, elegant im kleinen Schwarzen, spricht mehr als schön: erhaben. Lottchen Lisa Carolin-Nemec ist eine junge Frau, die weiß, was sie will. Ihr Karl, Tobias Reinthaller, beweist, dass sich ein Armer in neuem Luxus nur verbiegen kann. Paul Matic, mehr Wächter als Diener im reichen Haus, sagt mit unheimlicher Weisheit nicht viel mehr als "Schon recht". Hass und Neid, Dominic Olay mit rotem Langhaar und Martin Niedermair in Beamteneleganz raufen um ihr Opfer. Auf Tempo und Witz trainiert die ganze junge Geistermannschaft. Ein Raimund auch für Junge.