Der Schauspieler Oliver Huether, bekleidet mit grellorangem Sportdress, zupft an der Gitarre und gibt den Schmachtfetzen "Volare" zum Besten. Kaum singt er eine Silbe, wird er von seinen Mitspielerinnen Zeynep Buyraç und Veronika Glatzner unterbrochen und harsch korrigiert. Die beiden triezen den bemitleidenswerten Sänger, es ist kaum zu ertragen.

Mit diesem Demütigungsritual beginnt der Theaterabend "Erschlagt die Armen" in der kleineren Spielstätte des Werk X in Meidling. Die Strategie von Regisseurin Nina Kusturica scheint zu sein, dem verstörenden Text eine noch irritierendere Umsetzung angedeihen zu lassen. Anfangs reißt einen das durchaus mit, doch die Methode verliert im Lauf der 100-minütigen Aufführung zusehends an Dringlichkeit, alles wirkt zunehmend beliebig und wirr.

Shumona Sinhas Roman "Erschlagt die Armen", 2015 auf Deutsch erschienen, thematisiert haltlose Zustände des europäischen Asylwesens auf ziemlich ungeheure Weise. Die Autorin weiß, wovon sie spricht: Sie stammt aus Kalkutta, war selbst als Dolmetscherin für Flüchtlinge tätig und hält in ihrem viel diskutierten Buch das unwürdige Behörden-Schauspiel fest. In ihrer wortmächtigen Wut-Prosa kommen beide Seiten nicht gut weg. Sinha berichtet von Antragstellern, die Zwiebeln mitführen, um punktgenau loszuheulen, und von unterdrückten Lachsalven der Beamten, wenn vorgebrachte Gräuel-Geschichten offensichtlich nicht stimmen können. "Lügenfabrik" nennt die Ich-Erzählerin ihren Arbeitsplatz und fährt fort: "Im Existenzkampf ist Ehrlichkeit ein Luxus."