Blutspur an der Hand: Caroline Peters als Anna alias Medea. - © Georg Soulek
Blutspur an der Hand: Caroline Peters als Anna alias Medea. - © Georg Soulek

Medeas Sündenregister ist erdrückend: Sie hat ihre Familie verraten, das Goldene Vlies gestohlen, den Bruder getötet, die junge Braut ihres Ehemanns hat sie auch auf dem Gewissen - und ihre wohl ungeheuerlichste Tat: der Mord an ihren beiden Kindern.

Medea, die Triebtäterin, umgibt eine Aura aus Schrecken und Faszination. Aber sie ist nicht nur Täterin, sondern auch Opfer. Jason, für den sie bereit war, alles zu geben, hat sie letztlich nur benutzt. Die fortgesetzte Demütigung durch den Geliebten treibt Medea in ihre maßlose Rache. Wie die Orestie gehört der Atriden-Mythos zu den ältesten Schriftstücken der Menschheit. Medeas Geschichte berührt darin die dunklen Seiten der Liebe, den Todestrieb, mühsam in Zaum gehaltene destruktive Kräfte.

Finaler Rosenkrieg

Seit der ersten überlieferten Dramatisierung von Euripides (431 v. Chr.) hat die ambivalente Frauenfigur viele Dichter, Komponisten, Maler und Filmemacher zu immer neuen Deutungen inspiriert. Verlässlich stellt Medea das beunruhigende Gegenmodell zu praktisch jedem gesellschaftlich akzeptierten Frauenbild dar. Sie ist die Paraderolle schlechthin für Generationen an Schauspielerinnen und Sängerinnen (Maria Callas!).

Der langen Liste an künstlerischen Auseinandersetzungen fügt nun der australische Regisseur Simon Stone eine neuerliche Überschreibung hinzu, Premiere ist am Donnerstag (20. Dezember) im Burgtheater. In seiner 2014 in Amsterdam uraufgeführten Fassung kommt Medea nur mehr im Titel vor. Stone führt in seiner "Medea" vielmehr eine moderne Ehehölle vor, in der sich die Protagonisten Anna (Caroline Peters) und Lucas (Steven Scharf) nach allen Regeln der Kunst fertigmachen, während die beiden Söhne die elterlichen Entgleisungen auf Video festhalten. Stone verwebt den Medea-Stoff zudem mit einer realen Geschichte: In den 1990ern setzte die amerikanische Ärztin Deborah Green nach ihrer Scheidung das Haus in Brand und tötete dabei ihre drei Kinder. Bei Stone kommt die an Medea angelehnte Figur gerade aus der Psychiatrie und hofft auf einen Neustart. Doch ihr treuloser Mann hat sich längst mit der Tochter seines Chefs verlobt. Auftakt für den finalen Rosenkrieg.

Mit diesen doch recht massiven Eingriffen steht Stone in der Medea-Rezeptionsgeschichte keineswegs allein da. Bereits die antiken Fassungen von Euripides (431 v. Chr.) und Seneca (50. n. Chr.) unterscheiden sich grundlegend in der Schuldzuweisung. In anderen antiken Quellen divergiert die Zahl der Morde so beträchtlich, dass in George Taboris Stück "M. Nach Euripides" (1985) Medea ihre Kinder überhaupt nicht mehr umbringt.

Verzeiht Medea!

Seit Jahrhunderten hadern Autoren mit Medeas Monstrosität. Die Germanistin Inge Stephan arbeitet in ihrer luziden Studie "Medea. Multimediale Karriere einer mythologischen Figur" (2006) verschiedene Strategien künstlerischer Annäherung heraus. Franz Grillparzers viel gespieltes "Goldenes Vließ" (1821) bemüht sich etwa ausdrücklich darum, Medeas Verbrechen verständlich zu machen. Ganz anders geht indes Hans Henny Jahnn an die Sache heran. Seine "Medea" (1924) wird als dämonisch Liebende heroisiert. Um ihren Außenseiterstatus als Barbaren-Königstochter noch zu verstärken, siedelt er Medea in Afrika an, porträtiert sie als schwarze Magierin.

Bei Simon Stone rückt Medea wiederum in greifbare Nähe. Bei ihm wird Medea als ehemalige Psychiatrie-Patientin in gewisser Weise aber pathologisiert. Was wird dabei jedoch aus Medeas Qualen? Antworten liefert die Aufführung im Burgtheater.