Die weitläufige Bühne des Burgtheaters ist erbarmungslos grell ausgeleuchtet, schneeweiß und leer geräumt, aseptisch geradezu. Bühnenbildner Bob Cousins entwarf eine Art albtraumhaftes Vakuum, in dem die Schauspieler seltsam verloren wirken; nicht das kleinste Requisit wird ihnen gegönnt, sie sind ganz auf sich allein gestellt. Verstärkung erhalten die Darsteller auf der Bühne allein von der Videotechnik. Gleich in der ersten Szene von "Medea", Regisseur Simon Stones Burgtheater-Adaption des antiken Stoffes, nimmt die Kamera das Gesicht von Caroline Peters ins Visier. Auf der Bühne steht die Schauspielerin leichthin plaudernd mit ihrem Ehemann, erst die Großaufnahme verrät, wie es um Peters Figur Anna tatsächlich bestellt ist - Panik erfasst ihr Antlitz. Alarmmodus.

Bei Regisseur Stone heißt die "Medea"-Protagonistin Anna; sie bewegt sich in der Gegenwart, wurde soeben aus der Psychiatrie entlassen. In der Therapie hat sie ein Bild gemalt von der Arche Noah, bei dem die Tiere auf dem Schiff ums Leben kommen. Simon Stone hat nicht nur die biblische Geschichte bearbeitet; in der 90-minütigen Aufführung erfährt "Medea" ebenfalls gründliche Revision.

Beängstigende Frauenfigur

Medea gehört zu den beängstigenden Frauenfiguren des Welttheaters. Im Atriden-Mythos verrät die Königstochter aus Liebe zu Jason ihre Herkunftsfamilie, ermordet ihren Bruder, stiehlt das Goldene Vließ, um mit dem Geliebten nach Griechenland durchzubrennen. In der neuen Heimat bekommt sie zwei Söhne; der Emporkömmling Jason wird ihr mit der Prinzessin untreu; Medea soll verstoßen werden. Ihre maßlose Rache, der Mord an den eigenen Söhnen, gehört zur Kulturgeschichte der Menschheit. Euripides’ antikes Drama hat Hundertschaften an Künstlern inspiriert. Medeas Erbe verstört bis heute. Der australische Regisseur Simone Stone, bekannt für seine saloppen Klassiker-Umschreibungen, in denen etwa aus Fin-de-siècle-Figuren Zeitgenossen mit Smartphone und Facebook-Account werden, wirbt in seiner "Medea"-Fassung hingegen um Verständnis für die Mörderin.

Stone entwirft eine moderne Ehehölle. Er verwebt Motive aus Euripides’ "Medea" mit einem Scheidungsdrama, in dessen Verlauf eine psychisch instabile Ärztin in den 1990er Jahren in den USA ihr Haus in Brand steckte - zwei ihrer Kinder kamen dabei ums Leben. Bei Stone gibt Anna ihre Karriere in der pharmazeutischen Forschung für ihren Mann Lucas und die beiden Kinder auf. Lucas’ Ehebruch mit der Schwester des Laborchefs eröffnet hier nur den nächsten Karriereschritt in der Firma.

Archaische Kräfte?

Wohnen dem pragmatischen Denken im 21. Jahrhundert, das berufliches Weiterkommen vor Familie stellt und habituell den "Neuanfang" im Leben propagiert, überhaupt noch archaische Kräfte inne? Stones Inszenierung scheint von solchen Überlegungen herzlich unberührt. Anna ist bei Stone eine psychisch labile Frau - am Beginn der Handlung wird sie aus der Psychiatrie entlassen, während des Stücks nimmt sie starke Medikamente zu sich, trinkt im Übermaß, fügt sich Verletzungen zu. Eine Frau wird pathologisiert, ihre Tat zum Verbrechen einer Kranken. Medeas übermenschliche Tragödie schrumpft zum chronikalen Melodram. Es ist allein der außerordentlichen Darstellungskraft von Caroline Peters zu verdanken, dass sich die handwerklich-elegante Aufführung nicht allzu sehr im Erwartbaren verliert. Peters ist das Epizentrum des Abends, sie vermag die von Stone um ihre ursprüngliche Wortgewalt erleichterte Rolle mit so viel Facetten darzustellen, dass man sich wünscht, man hätte sie in der Original-Fassung erlebt. Rund um Peters irrlichtert Mavie Hörbiger als weiblicher Gegenpart Clara, als ein blass-ätherisches Wesen im adretten Rock, Christoph Luser gibt den aalglatten Junior-Chef, Falk Rockstroh ist ein Buchhändler (und Ruhepol), Annas Söhnen weist Stone eine ungewöhnlich hohe Bühnenpräsenz zu: Die Buben lümmeln und toben auf der Bühne, zeichnen das desaströse Familiengeschehen auf Video auf. Steven Scharf ist für den erkrankten Joachim Meyerhoff eingesprungen; er verkörpert Ehemann Lucas absichtsvoll als Langweiler im braunen Anzug. Was Anna und Clara an diesem Biedermann finden, ist unklar.

In vielen klassischen Darstellungen umgibt Medea etwas Faszinierend-Abschreckendes, letztlich Rätselhaftes. Simon Stones Down-to-Earth-Bearbeitung buchstabiert Medeas Geschichte bis an ihr schreckliches Ende überdeutlich aus. Es erklärt vieles und erzählt wenig.