Ungleiches Match: (v. l.) Karel Dobrý, Lukas Holzhausen. - © Lupispuma
Ungleiches Match: (v. l.) Karel Dobrý, Lukas Holzhausen. - © Lupispuma

Während das Publikum Platz nimmt, geht es auf der Bühne des Volkstheaters bereits hoch her. Für die Vorstellung von "König Ottokars Glück und Ende" schleppen sich die Darsteller mit langen Holzlatten ab, quer über die Bühne hinweg errichten sie eine Art Burgmauer oder leeren Wasser in ein Becken. Der Schauspieler Thomas Frank bezieht Stellung an der Rampe. In Jogginghose, Turnschuhen und Hoodie, auf dem gut sichtbar das Landeswappen der Steiermark prangt, ähnelt er mehr einem Ghetto-Gangster als einem Ritter. Kostümbildnerin Kamila Polivkova schwört offenbar auf straßenkampftaugliche Kostümierung und steckt praktisch jede Figur in Kapuzenpullover mit konkurrierenden Wappen.

Schließlich bellt Frank "Kruzitürken no amol" in den Zuschauerraum. So beginnt Dušan David Pařizeks Inszenierung von Grillparzers "König Ottokars Glück und Ende". Vom ersten Moment an lässt der Regisseur keinen Zweifel daran, dass er sich mit dem Klassiker einen Jux erlaubt. Das ist bemerkenswert.

Sprachliche Kampfzone

Üblicherweise wird Grillparzers Historiendrama, das den Aufstieg der Habsburger im 13. Jahrhundert anhand des Untergangs des Böhmenkönigs beschreibt, als Gründungsmythos der Habsburger Dynastie gesehen, als erhabener Sieg über die Barbarei.

Wie kaum einem anderen Klassiker haftet diesem Trauerspiel, 1825 im Burgtheater uraufgeführt, hierzulande etwas von einem Staatsakt an, in dem ein Stück weit österreichische Identität verhandelt wird. Während des Zweiten Weltkriegs lösten Aufführungen im Volkstheater etwa pro-österreichische Bekundungen aus, in den Nachkriegsjahren wurde das Stück Schulbuchlektüre, 1955 wurde es zur Wiedereröffnung des Burgtheaters angesetzt, 2005, zur 50-Jahr-Feier dieses Ereignisses, brachte es Martin Kušej ebendort erneut heraus. Der nunmehr designierte Burg-Direktor entwarf das Trauerspiel als ungleiches Match zwischen dem müden Eroberer Ottokar und dem wendigen Karrieristen Rudolf.

Wie geht nun Dušan David Pařizek an die Sache heran? Der im deutschsprachigen Raum überaus erfolgreiche Regisseur, der mehrfach am Akademie- und Volkstheater inszenierte, stammt aus Tschechien. Der Böhmenkönig Ottokar gilt dort als Nationalheld. Grillparzers Stück stieß folgerichtig auf wenig Gegenliebe, wurde überhaupt erst vor wenigen Jahren ins Tschechische übersetzt. Die Erwartungshaltung an Pařizeks Inszenierung war hoch. Doch von historischen Korrekturen, politischen Standortortbestimmungen, etwaigen Nachbarschaftskonflikten oder sonstigen Identitätskrisen ist seine Inszenierung gänzlich befreit. Stattdessen entfacht er ein launiges Spiel rund um die Sprache. Kommunikation als Mittel zur Macht.