Ein verzauberter Wald mit Nixen, Satyrn und Nymphen, dazu Luft- und Erdgeister sowie zwei mächtige Zauberer: Der Gegenentwurf zur martialischen Handlungsebene von "King Arthur" ist so fantastisch wie vielschichtig. Und diese hinterlistig poetische Welt ist - in der Schauspiel, Musik, Gesang und Tanz verwebenden Szenenabfolge - fein verknüpft mit der Geschichte um den britischen König Arthur und den Sachsenherrscher Oswald, die nicht nur um die Macht in Britannien kämpfen, sondern auch um die Liebe der blinden Prinzessin Emmeline. Der Revue-artige Charakter, den Henry Purcell und Textdichter John Dryden dieser Semi-opera 1691 verliehen haben - mit sprechenden Hauptfiguren in einem singenden Umfeld -, stellt als britische Sonderform der Barockoper für die heutige Aufführungspraxis eine Herausforderung dar.

Im Theater an der Wien greift das Regieduo Sven-Eric Bechtolf und Julian Crouch (auch Bühne) bei der an der Berliner Staatsoper herausgekommenen Neuproduktion auf zwei bewährte (wie nicht übermäßig originelle) dramaturgische Kniffe zurück: Die beiden bauen eine Rahmenhandlung um die Szenen und führen als Bindglied einen Großvater ein, der seinem Enkelsohn eine abenteuerliche Gute-Nacht-Geschichte aus der Familienchronik vorliest.

Wie diese Szenen lebendig werden, wie die Erzählebenen ineinanderfließen, wie sie miteinander verzahnt sind, das Personal auf beiden Zeitebenen auftaucht und wieder zurücksinkt, das ist handwerklich präzise wie geschickt gearbeitet. Auch die Parallelen zwischen dem Zweiten Weltkrieg als Zeit der Rahmenhandlung und den britisch-sächsischen Auseinandersetzungen rund um König Arthur greifen sinnvoll ineinander. Das Schauspielensemble ist ein homogenes - mit Michael Rotschopf als nachdenklich virilem Arthur, Meike Droste als wandelbarer Emmeline und Oliver Stokowski als zappelig-ulkigem Zauberer Osmond.

Einzelne poetische Bilder

Auf der flexiblen Bühne gelingen mit einfachen Mitteln und großflächigen Projektionen (Video: Joshua Higgason) immer wieder fantasievolle wie poetische Bilder. Die feinen choreografischen Interventionen von Gail Skrela binden den Schönberg Chor, der gesanglich hinter seinen Möglichkeiten bleibt, geschickt in die Szenerie ein. Eine magische Welt entsteht dabei dennoch nur punktuell, zu oft kippt das Zauberhafte ins Absurde, in den Klamauk. Das liegt vor allem daran, dass das Regieteam mehr auf (mitunter flache) Gags setzt, anstatt eine stringente Zauberwelt zu kreieren und auch zu beschwören. Durch die teils hohe Dichte an schnellen Lachern (über die MeToo-Debatte) und plumpen Überzeichnungen (wie überdimensionalen Erektionen) verschenkt die Produktion so manche Tiefendimension.

Die Poesie, sie wohnt hier vor allem in den gesprochenen Texten - sofern sie sich in den gegen Ende seltener werdenden spaßfreien Zonen entfalten dürfen. Diese sprachliche Kraft trotzt den bunten Bildern mehr, als aus ihnen zu erwachsen. Gleiches lässt sich von der musikalischen Ebene bei der Premiere am Donnerstag nicht sagen: Sie gerät in dieser Produktion in den Hintergrund. Das liegt zum einen an der optischen Opulenz dieser Interpretation, zum anderen an der Zurückhaltung, mit der Dirigent Stefan Gottfried und der Concentus Musicus hier agieren. Nur in den wenigen Zwischenspielen zeigen sich die konzentrierte Kraft, der federnde Schwung und die emotionale Tiefe, die in dieser Musik stecken. Im jungen wie soliden Sängerensemble überzeugen vor allem die Sopranistin Robin Johannsen, der Tenor Johannes Bamberger und Bass Jonathan Lemalu.

Ein bejubelter, spaßig durchwachsener Abend mit schönen Momenten und Ideen, der sein Potenzial aber auf mehreren Ebenen nicht auszuschöpfen versteht.